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15.03.2014, 17:09 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [377]: Eine Glosse zu Frisch und Andersch

Im erst vor wenigen Wochen edierten Briefwechsel zwischen Alfred Andersch und Max Frisch findet sich eine Stelle, die unseren Dichter betrifft – und die vielleicht ihn so gut wie die beiden Herren betrifft, deren Schreiben von Jan Bürger nun sorgfältig ediert wurden.

Sorgfältig: das klingt wie ein bloßer Topos, aber wer die 174 Anmerkungen, das Vorwort, das Register zu den 52 Schreiben (nicht mehr, aber nicht weniger: auch dies ist ein geläufiger Topos), die doppelte „Zeittafel zu Leben und Werk“ der beiden Herren und die genau ausgewählten 24 Fotos und Faksimiles studiert hat, wird zu keinem anderen Ergebnis kommen. Das Verhältnis von Text und Beigaben ist – rechnet man den verlagseigenen Anhang und den Klappen- wie den Rückentext dazu – etwa 1:1. Das ist angesichts der literarischen Bedeutung der beiden Dichter, Autoren, Schriftsteller, Publizisten und Zeitgenossen völlig in Ordnung – und äußerlich schön ist das Büchlein noch dazu. Nebenbei: auch die überlieferten Schreiben an und von den Frauen der beiden Männer wurden dokumentiert und kundig kommentiert. Marianne und Gisela – sie gehörten auch in die kleine Schweizer Runde.

Zum Fall: Frisch und Andersch, die sich seit den späten 1950er Jahren persönlich kannten, waren in den 1960er Jahren im Valle Onsernone zu Nachbarn geworden, wo Andersch schon seit 1958 lebte. Konnte man zunächst noch von einer Künstlerfreundschaft sprechen, so neutralisierte sich das Verhältnis zusehends – und dies nicht, obwohl die beiden Schriftsteller so nahe beieinander lebten – Wir wohnen kaum tausend Schritte voneinander, schreibt Frisch –, sondern wohl weil sie Nachbarn waren.

Im November 1971 arbeitete Frisch nun an den Fahnen zu seinem Tagebuch 1966-1971, in dem er einen Eintrag über den Nachbarn unterbringen wollte. Bevor er den Text in seiner Endfassung nach Frankfurt schickte, sandte er ihn an Andersch, der gerade in Berzona saß: Kein Porträt, auch keine Laudatio, sondern wie andere Eintragungen über Begegnungen mit Zeitgenossen auch: Versuche einer Standortbestimmung aus zwischenmenschlichen Situationen. Genau dies ist der Text geworden: eine nüchterne, typisch frisch'sche Analyse, die bei aller Selbstkritik die Form wahrt. Frisch musste hoffen, mit dieser abgeklärten Standortbestimmung nicht die Begeisterung des ferngerückten Freundes, doch sein Verständnis zu finden. Tatsächlich reagierte Andersch äußerst gereizt: im Ton einer Empörung, die dem nachlebenden Leser vielleicht deshalb unverständlich sein muss, weil er kaum ahnen kann, wie eng die Freundschaft zehn Jahre zuvor gewesen sein muss. Frisch, der klug genug war, eine (angebliche) Unfähigkeit zur Analyse dieser lahmgelegten Freundschaft zu bekennen – tatsächlich hatte er nicht mehr und nicht weniger als eine präzise Beschreibung des augenblicklichen Moments gegeben –, wehrte in freundlichem Tone ab: Nein, es stimme nicht, dass jeder der ach so höflichen Sätze eine falsche Nachricht enthalte, wie Andersch behauptet hatte: was eine maßlose Übertreibung selbst für den ist, der Anderschs und Frischs Beziehung nur aus diesem Band rekonstruieren kann.

Noch im Juni 1972 kam Frisch auf das scheinbar unsinnige Zerwürfnis zurück, nachdem ein gleichfalls nüchternes Gespräch keinen wirklichen Frieden gebracht hatte. In Frischs Aufzeichnungen können wir nun lesen, was damals verhandelt wurde: „Literarisch der Belesenere, politisch der Erfahrenere“, auch diese Text-Stelle empfindet er als falsche Nachricht; ich meine das aber wirklich, ohne Ironie, auch nicht nebensächlich. „Du hast eine Maturität, du hast ein abgeschlossenes Studium“, sagt er. Trauma des Autodidakten, auch wenn er mehr Wissen hat als der andere. Nun folgt die Stelle: Marianne gibt ihm Recht in dem Sinn, dass meine Selbsteinschätzung (es geht nicht um Talent, sondern um Unbelesenheit) falsch sei, die Komik dabei, ich weiß also nicht einmal, was ich nicht weiß, was ich nicht gelesen habe, Balzac zum Beispiel, Jean Paul u.a.

Im Verweis auf Jean Paul, den gelesen zu haben ein authentischer Ausweis von Bildung sei, rückt der Dichter in die Ranggruppe eines Balzac vor, was – unabhängig von jeglicher Vergleichsunmöglichkeit – den beiden Kontrahenten Sinn genug scheint, um Belesenheit an sich zu demonstrieren. Die Bedeutung Jean Pauls erhellt so schon aus der bloßen Nennung des Namens; für einen „gebildeten“ Leser von 1972 ist das keine Kunst, auch wenn die bloße Nennung im Rahmen der Aufzeichnung – und wohl auch des Gesprächs – auf ein bloßes, sinnloses namedropping hinauslief.

Es ist eine Ironie der Literaturgeschichte, über die zu lachen nur den „Ungebildeten“ beikäme: dass heute der literarische Ruhm des Mannes, der den Jean Paul nicht gelesen hatte, vor der Literaturgeschichte und den Lesern haltbarer erscheint als die des (angeblich) beleidigten Ex-Freundes: ungeachtet seiner herausragenden, literarisch spannenden „Klassiker“ Sansibar oder Der letzte Grund und Der Vater eines Mörders.[1]

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[1] Es war Arno Greff, der mit seinen Schülern damals den Vater eines Mörders „durchnahm“ – wofür ihm vom ehemaligen Schüler heute noch Dank gebührt. Sansibar erfuhr in Deutsche Literatur seit Thomas Mann eine konzise Analyse durch den notorisch informierten Hans Mayer– und Die Rote, als Venedigroman ein Exemplar einer Gattung, die der Blogger besonders schätzt, wurde 1962 derart verfilmt, dass die zeitgenössische Kritik die Verfilmung Helmut Käutners mehrheitlich ablehnte. Der Blogger vermutet heute: ohne viel Grund (was nicht allein daran liegt, dass in der Titelrolle die bezaubernde Ruth L. zu sehen war, die mit diesem Film ihr – nebenbei: sehr interessantes – 50er-Jahre-Image abschütteln wollte: was ihr wohl auch gelungen ist).

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