Info
13.03.2014, 13:27 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
images/lpbblogs/logenlogo_164.jpg
Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [375]: Das Wasser, die Tränen, die Rührung, die Seelen

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/loge/klein/loge375_cdfriedrich_500.jpg

Es fließt dahin – alles fließt dahin: das Wasser, die Tränen, die Rührung, die Seelen. Kein Zufall, dass Beata ein irre überweintes Auge, eine erschöpfte Seele besitzt: diese Worte sagen uns mehr als das, was der Erzähler bei Beata noch zu entdecken vermeint: „was die Liebe und die Tugend und die Schönheit in einen Himmel dieser Erde drängen können“. Da sind zwei Menschen offensichtlich an einer Grenze angelangt, die durch den Kuss – und nur durch den Kuss, den ersten – überwunden werden kann. Freilich sagt der Dichter nicht, dass sie sich küssen, oder anders: er sagt es unverwechselbar jeanpaulisch.

Wir haben darauf gewartet, nicht wahr, lieber Leser?

Der Augenblick vereinigte auf ewig die Lippen, auf denen alle Erdenworte erloschen.

Da ist es fast unwichtig, die weiteren Vereinigungen dieses mystischen Moments zu bemerken, und die wieder mit den berühmten vier Pünktchen im Unendlichen[1] auslaufen: die Herzen, die mit der schweren Wonne kämpften, die verwandten Seelen, die wie zwei hohe Flammen ineinanderschlugen.... Und ist es ein Zufall, dass diese vier Pünktchen, die ins Offene hinauslaufen, wieder mit dem Mond verbunden sind?[2] Kann das ein Zufall sein??

Zu ihm hob sie das scheue Auge nur hinauf, wenn der Mond, der über eine durchbrochne Treppe von Wolken stieg, hinter einem weißen Wölkchen verschattet stand. Aber als eine dickere Wolke den Mond-Torso begrub: so endigten beide den schönsten Tag ihres Lebens, und unter ihrer Trennung fühlten sie, dass es für sie keine andre gebe.

Nun aber steht der Mond nicht in seiner vollen Pracht vor uns, den Betrachtern dieses Notturno. Nun wird er verdeckt, als wüsste der Autor, dass es nicht der volle Glanz sein kann, der auf den Liebenden ruht – aller wirklich bezaubernden Zartheit zum Trotz, die Beata in ihre Gesten legt, und die erst dadurch zauberhaft werden, dass der Dichter sie bruchlos zu beschreiben weiß. Hier wie immer gilt: nicht das Thema entscheidet über die Stärke der Literatur. Es ist allein der Stil, der sie verbürgt – und dieser Stil muss nicht pompös, überreich, überinstrumentiert sein, um ganz auf uns zu wirken. Wie das Genie Richard Strauss einmal sagte: Alles Geniale ist einfach:

Nach jenem Augenblicke suchte Beata, deren Körper schon unter einer großen Träne wie ein Blümchen unter einem Gewittertropfen umsank, sich aufs Grab zu setzen; sie bog ihn sanft mit der einen Hand von sich, indem sie ihm die andre ließ.

Sie bog ihn sanft mit der einen Hand von sich, indem sie ihm die andre ließ – das klingt nach nichts, aber dem Blogger ist sie heute schon alles. Sie erinnert ihn an eine Szene der Verfilmung der Königlichen Hoheit Thomas Manns von 1953, die man – wenn man nur „ideologiekritisch“ genug ist – gern „spießig“ finden kann. Es gibt da eine ganz wunderbare, im Übrigen kurze Geste, mit der eine Szene abschließt und -blendet. Ich kann nur sagen: die Hand. Es ist dies eine der zarten Gesten, die kaum angemessen in Worte zu bringen sind.

Jean Paul hat gewusst, wie man mit einfachen Worten bewegende Effekte erzielt.

----------------------------------------------------------------

[1] Begehrt kein Landschaftstück der blühenden Welten von mir, über welche sie in jenem Augenblicke hinzogen, den kaum die Empfindung, geschweige die Sprache fasset. Ich könnte ebensogut einen Schattenriss, von der Sonne geben. Insbesondere letzterer Satz begeistert den Kommentator dieser Szene.

[2] Wer den immer wieder schönen Kalender Mit Goethe durch das Jahr in diesem Jahr 2014 liest, bekommt es mit „Goethe und dem gestirnten Himmel“ zu tun – und natürlich spielt der Mond da, literarisch und graphisch, eine Rolle, die dem Stern der nächtlichen Liebe zukommt: Mir ist es, denk ich nur an dich, / Als in den Mond zu sehn; / Ein stiller Friede kommt auf mich, / Weiß nicht, wie mir geschehn, heißt es etwa im 1776 geschrieben Gedicht Jägers Abendlied.



Kommentar schreiben
Verwandte Inhalte