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31.10.2012, 20:41 Uhr
Joachim Schultz
Oskar Panizza-Reihe
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Oskar Panizza schuf mit der satirisch-grotesken Himmelstragödie "Das Liebeskonzil" (1894) den Anlass für einen der skandalösesten Blasphemieprozesse der deutschen Literaturgeschichte. Seit Oktober 2012 liest Joachim Schultz wöchentlich Werke von Oskar Panizza und begleitet ihn auf seinen Lebensstationen.

Panizza-Blog [4]: Über Mephisto und das rote Haus

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Mephisto-Silhouette von Paul Konewka (1841-1871)

Die Literatur ist für Oskar Panizza schon seit Anfang der 1870er Jahre ein Weg, um dieser für ihn schrecklichen Welt zu ‚entkommen‘. Er liest viel, aber völlig ungeordnet, fast alles, was er bekommen kann. Das reicht von der Gartenlaube bis zu Shakespeare. Außerdem: Gedichte von Heinrich Heine, deren Form auch seine eigenen Gedichte beeinflusst, und Goethe. Besonders der Faust hat es ihm angetan, und hier wird der Mephisto zu einer Art Identifikationsfigur und zeitweise zu einem seiner Pseudonyme. Michael Bauer schreibt in seiner Panizza-Biographie [Oskar Panizza. Ein literarisches Porträt. München: Hanser 1984], Panizza habe teuflischen Gefallen daran gefunden, von Mitmenschen mit Mephisto verglichen zu werden. (S. 92)

Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass er behindert war: er hinkte. Später kokettiert er damit, diese Behinderung gehe auf eine Syphilisinfektion zurück. Die hat es tatsächlich gegeben, doch sie kann auskuriert werden. Sein Hinken geht auf einen Unfall im Kindesalter zurück: er stürzte von einem Hochrad, brach sich das Bein. Der Bruch wurde nicht ordnungsgemäß behandelt. Zurück blieb ein gekrümmtes rechtes Bein und eine chronische Entzündung. Es ist nur zu verständlich, dass vor dem geschilderten biographischen Hintergrund keine allzu fröhlichen Texte entstehen können. Seit Anfang der 1880er Jahre schreibt Panizza Gedichte, die er – nun, wo er sich ganz der Literatur widmen kann – 1885 unter dem Titel Düstre Lieder veröffentlicht. Die in diesem Bändchen enthaltene Ballade „Das rote Haus“ verdient besondere Beachtung, denn hier kommt seine panische Angst vor Geisteskrankheit in erschütternder Weise zum Ausdruck. Das rote Haus ist nämlich ein Irrenhaus, zu dem der Erzähler „um Mitternacht“ (!) gelangt. Man hat ihn oft gewarnt vor diesem Haus „gefüllt bis unters Dach mit geistesverwirrten Köpfen“. Er weiß, dass auch Bekannte, Freunde, Verwandte hier untergekommen sind. Und das Haus übt eine magische Anziehungskraft auf ihn aus. Die Narren versammeln sich an den Fenstern und auf dem Dach und rufen:

Komm her zu uns, Du passt zu uns,
Auch Deine Gedanken stürmen;
Hier bist Du völlig gedankenfrei,
Wir werden Dich schützen und schirmen.

Auch der Direktor meldet sich zu Wort:

Eine geist’ge Freistatt suchen Sie hier
Für Ihre Ideen und Sparren,
Die sollen Sie haben, - die andern schrei’n:
„Wir haben die feinsten Narren!“

Hier sei man frei von „jeglicher Fessel“ und allem Zwang, hier dürfe man „toben, rasen und fluchen“. Unser Held widersteht:

Doch dacht’ ich mir, noch bist Du gesund,
Die wollen Dich nur betrügen,
Noch bist Du gesund, noch bist Du gescheid,
Und lässt das Haus links liegen.

Er kann widerstehen, doch die Angst bleibt...

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