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03.03.2014, 14:54 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [366]: Venedig, Rom und Wien und die ganze Luststädte-Bank

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Rosenmontag 2014: Wer kennt diesen Mann?

Wenn Venedig, Rom und Wien und die ganze Luststädte-Bank sich zusammentäten und mich mit einem solchen Karneval beschenken wollten, das dem beikäme, welches mitten in der schwarzen Kantors-Stube in Joditz war, wo wir Kinder von 8 Uhr bis 11 forttanzten (so lange währte unsre Faschingzeit, in der wir den Appetit zur Fastnacht-Hirse versprangen): so machten sich jene Residenzstädte zwar an etwas Unmögliches und Lächerliches – aber doch an nichts so Unmögliches, wie dies wäre, wenn sie dem Alumnus Wutz den Fastnachtmorgen mit seinen Karnevallustbarkeiten wiedergeben wollten, als er, als unterer Sekundaner auf Besuch, in der Tanz- und Schulstube seines Vaters am Morgen gegen 10 Uhr ordentlich verliebt wurde. Eine solche Faschinglustbarkeit – trautes Schulmeisterlein, wo denkst du hin? – Aber er dachte an nichts hin als zu Justina.

Karneval in der Loge? Es gibt ihn: im Anhang des Wutz. Kein Wunder: denn Wutz ist ja eine Figur, die sich aus den Alltäglichkeiten Feste schafft – und aus den Festen überbordende Vergnügen. Dass der Karneval zu Venedig gegen die Vergnügen des Schulmeisters verblasst, muss den Leser nicht wundern. Der Mann muss nicht in die Lagunenstadt fahren, um Lustbarkeiten zu fühlen, die die Freuden einer Residenzstadt weit überflügeln – einer Residenzstadt auch wie Oberscheerau.

Wer immer behauptet, dass der Anhang des Romans nichts mit ihm selbst zu tun habe und die Anwesenheit der Wutzens in der Loge lediglich äußerlich sei, verkennt, dass die kleine Erzählung vielfältig mit der großen verbunden ist. Um dies zu erfahren, muss man sich freilich Wort für Wort durch die Werke arbeiten: mit dem Sinn auch für die Lustbarkeiten gar nicht so geheimer Vergleiche – und für den karnevalistischen Spaß der Umkehrung: denn der Wutz zeigt – scheinbar – die andere Seite und den durchaus „fleischlichen“ Spaß jener Welt, die in der Loge eingefangen wurde.

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[1] Dass der Begriff Karneval vom fastentäglichen carne levare (Fleisch wegnehmen), spaßhaft: von der  Aufforderung carne, vale Fleisch, lebe wohl! abgeleitet wird, dürfte bekannt sein.



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