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01.03.2014, 14:27 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [364]: Via Giovanni Boccaccio, Navid Kermani und Miguel Cervantes zu Jean Paul (bzw. vice versa)

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Bloggers Blick auf Literatur und Publikum

Von Hesse zu Boccaccio und von Boccaccio zu Jean Paul sind die Wege nicht allzu lang. Hesse schrieb, neben vielen anderen Notizen und Rezensionen zum italienischen Novellisten, im Jahre 1904 eine kleine Monographie zum verehrten und geliebten Verfasser des Decamerone, der wichtigsten abendländischen Novellensamlung – und die Bayreuther Markgrafen-Buchhandlung, die 2013 mit einem großen Jean-Paul-Projekt den Dichter ehrte, indem sie insgesamt gut drei Tage lang aus seinen Werken und Briefen las, begann im Januar mit dem Boccaccio-Projekt 2014, das den Mann aus Certaldo im Jahr 1 nach seinem 700. Geburtstag würdigt. Bis Ende Dezember wird man dort, im ersten Stock, sämtliche 100 Novellen des Decamerone einem Publikum von Frauen und Männern vorgetragen haben.[1]

Nun wird man vielleicht vergeblich nach irgendeiner Boccaccio-Erwähnung oder -Reminiszenz bei Jean Paul suchen. Weit gefehlt – Navid Kermani, ein ungemein schätzbarer Selbstdenker, Autor und Reisender zwischen und in den Kulturen, der seine Frankfurter Vorlesungen auch unter den Schutz Jean Pauls gestellt und unter dem Titel Über den Zufall veröffentlicht hat, weist in Zusammenhang mit Jean Pauls Romanen darauf hin, dass dessen Großwerke in geheimer Beziehung zum Don Quijote stehen, denn Cervantes' Roman stünde ja in der Tradition älterer Erzählformen: „des Epos und der Märchensammlung mit ihrer Rahmenhandlung“. Dies eben machte dem Blogger, als er vor vielen Jahren immerhin den ersten Band des Cervantes las, ein wenig Verdruss: denn er erwartete die reine Geschichte des Ritters von der traurigen Gestalt – keinen Novellenkranz, der mit der „Hauptgeschichte“ so gut wie nichts zu tun hat (wobei er die Novellen an sich, jugendlich ausgedrückt, „nicht schlecht fand“). Kermani erläutert nun die Linie von Don Quijote zum modernen Romancier:

Der Anspruch an den Erzähler, dass jeder Abschnitt, jeder Gedanke an den davorliegenden anknüpfe, ist genausowenig zwingend wie die Erwartung an den Leser, dass er gleichzeitig nur eine Geschichte verfolge, eine Handlung, die Entwicklung einer Idee – oder auch nur am Anfang anfange. Die Wirklichkeit ist anders. In der Wirklichkeit fängt nichts an der richtigen Stelle an und bricht alles ohne Ende ab. Weit eher als ein konventioneller Roman entspricht ihr die Struktur des vormodernen Epos als einer Sammlung aus tausend Einzelgeschichten, die sich mehr und oft weniger geschmeidig in den Plot einfügen. Dieses Erzählprinzip ist älter als der Don Quijote; es manifestiert sich im Dekameron, in der Göttlichen Komödie und natürlich in der literarischen Tradition des Orients und des Andalus, die Cervantes ebenso explizit aufgreift wie vor ihm Dante oder Boccaccio – und nach ihm Jean Paul.

Und dann zitiert Kermani einen Satz aus dem Prodromus galeatus, der Vorrede also zum Jubelsenior:

Diesen romantischen Polyklets-Kanon und Dekalogus, dieses herrliche Linienblatt haben die meisten Deutschen entzweigerissen, und sogar in den Märchen von 1001 Nacht find' ich die Allmacht des Zufalls schöner mit moralischen Mitteltinten verschmolzen als in unsern besten Romanen, und es ist ein großes Wunder, aber auch eine ebenso große Ehre, dass meine Biographien hierin ganz anders aussehen, nämlich viel besser.

Daher erkläre es sich auch, dass Jean Paul seine Romane auch gern „Biographien“ nenne: denn eine Biographie ist ja immer unvorhersehbar – und der Roman sei der religiöse Versuch, Ordnung in dieses (scheinbar) Wirre hineinzubringen.

Die unsichtbare Loge ist bekanntlich laut Untertitel kein Roman, sondern Eine Lebensbeschreibung. Ihre Erzählstruktur ist nicht wirr, aber herzhaft unordentlich, doch auf etwas andere Weise, als es Boccaccio mit seinem poetischen Dekalogus vorgab. Dennoch: beiden Werken eignet die Lust zur Abschweifung, die sich doch immer wieder in einem Zentralpunkt sammelt. Strukturiert Boccaccio seine Erzählungen durch die Themen der einzelnen Erzähltage, so erlaubt er es seinen exilierten Damen und Herren, an einigen Tagen einfach das zu erzählen, wozu sie Lust hätten.

Hermann Hesse hatte schon Recht, als er das einzigartige Decamerone des großen Boccaccio – und vielleicht ein wenig die Romane seines geliebten Jean Paul charakterisierte:

Ihr werdet, sofern Ihr es verständig leset, in demselben eine solche Fülle von schönen, klugen, erfreulichen, rührenden und lächerlichen Geschichten entdecken, wie sie vielleicht außerdem kein anderes Buch irgendeines Dichters enthält.

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[1] Gestern stand der Blogger am Lesepult: nicht zufällig (denn er liebt lange Erzählungen) mit der bis dato längsten Novelle Nr. II//7, in welcher die Königin von Algarvien neun Männer liebt – und doch als Jungfrau in die Ehe geht.



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