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22.02.2014, 14:01 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [357]: Ist's ein Original, oder ist's eine Kopie?

https://www.literaturportal-bayern.de/images/lpbblogs/loge/gross/loge357_VeroneseWien2.jpg

Springen wir noch einmal kurz zurück zu folgender Stelle:

...wie schon den Malern, welche geköpfte Leute oder aufgesprengte Schiffe malen wollten, mit den Urbildern dazu beigesprungen wurde.

Sie kommt mir wieder in den Sinn, während ich einen Aufsatz in einem neuen Buch namens Jean Paul und die Bilder lese. Monika Schmitz-Emans schreibt da – so trocken, dass verständlich ist, wieso sich nur einige wenige Menschen, also Germanisten, für die engere Fachwissenschaft Germanistik interessieren und der fantasielos hässliche Fachjargon bestenfalls belächelt werden kann –, dass in einer Episode des Komet ein Gemälde der Lukasstädter Galerie ins Spiel kommt, das lediglich eine Kopie sei, denn: „Viele falsche Kunstwerke hängen herum und täuschen die Betrachter.“

Nun ist nicht nur der Aufsatz von lähmender Trockenheit, die der Jeanpaulschen Brillanz diametral entgegensteht. Die Interpretin hat zudem den Witz nicht verstanden. Worum geht's? Um die angeblich „schlechte Kopie“ eines (echten) Veronese. In einer Fußnote wird der Fall erläutert; hier folgt der Text dieser Fußnote – aber Vorsicht! Mein Bild ist nur die schlechte Kopie dieser echten Fußnote:

Im Original lautet die Stelle folgendermaßen:

Der bisher ruhige Raphael schüttelte vor dem Bilde, – dem in einiger Ferne noch das Gerüste eines nachzeichnenden Kunstschülers gegenüberstand – den Kopf ungewöhnlich heftig und deutete mit dem Finger auf Katharinas Augen; vergeblich suchte Renovanz, der diese Vorspiele kannte, ihn wegzubringen. „O meine Amanda amata, wie bist du kopiert, entfärbt und entstellt, deine Augen ausgelöscht und deine Lippen verblutet!“ (rief er). „Warum sind lauter Nachbilder in diesem Saale und kein Original! Kommt doch abends zu mir, ihr Zuschauer, und du auch, du Nachzeichnender–“ (er wandte sich zu dem Herren- und Kenner-Halb-Zirkel) – „heute ist gute Mondscheinbeleuchtung in meinem Zimmer, und ihr könnt da die besten Originale sehen, von denen hier so matte Kopien hängen. Ach, meine Amanda amata, wie anders siehst du hier aus als bei mir. O! das ist ja so traurig für mich!“

Man muss wirklich keine Germanistik studiert haben geschweige denn einen Professortitel tragen, um auf den ersten Blick zu bemerken, dass die Begriffe Original und Kopie hier rein metaphorisch (also bildlich) gebraucht werden. Muss man dies wirklich erläutern? Man muss vielleicht nur ein wenig Witz besitzen, um zu erkennen, was ein Original von einer Kopie unterscheidet, auch einen Hauch von jener Lebenserfahrung, die uns solche Texte intuitiv begreifen lässt – ganz abgesehen davon, dass der Erzähler des Komet selbst durchaus nicht unbedingt meint, dass es sich beim Gemälde um eine Kopie jener Sorte handelt, die im Übrigen in jeder guten Galerie zu finden ist: nach XY, Schule des XY, Werkstatt des XY, XY-Umkreis (was heißt: Der Meister hat dem Maler mal über die Schule geschaut oder Da hat jemand ein Motiv geklaut):

Der Verfasser dieses, der schon mehr als eine Bilder-Galerie (nämlich zwei) im Durchgange gesehen (eigentlich drei)[1], traf wirklich diesen herrlichen Paolo in keiner an und will ihn insofern für echt halten; bloß in der kaiserlichen Galerie in Wien hängt dieselbe Katharina im ersten Stock des zweiten, venezianische Meister fassenden Zimmers an der zweiten Wand, wie er bloß gelesen.

Paolo? Gemeint ist der große Veronese, der – neben Tintoretto und Tizian und Palma il Giovane – beste venezianische Maler des 16. Jahrhunderts. Es handelt sich um eines der vielen Gemälde, die Veronese dem Thema Matrimonio mistico di Santa Caterina gewidmet hat:

Auf einmal aber hielt Raphael vor einem Gemälde aus der venezianischen Schule, von Paolo Veronese, still, Katharinas Vermählung darstellend. Maria sitzt auf einem Throne, die heilige Agnes kniet mit einem Palmenzweig in der Hand, ein Engel mit einer Lilie reicht der Braut Katharina den Arm, und das Christus-Kind steckt ihr einen Ring an den Finger. Es gab wohl keinen Menschen in ganz Lukas-Stadt und am Hofe und in der Kammer – welche noch über den Einkaufpreis trauerte –, und im Bildersaale – darin etwa den Galerie-Inspektor ausgenommen – gab es keinen, der das Werk nicht für einen echten Paolo Veronese anerkannte. Die Krone und Peters-Kuppel der Galerie nannte man es, und ein Poet, der zu Bildern, ganz wie Goethe zu Tischbeins Zeichnungen, dichtete, reimte vom Kopfe der Hauptfigur Katharina, dass er wie ein Jupiterkopf, nur aber schöner und milder als mit Augenbraunenhaaren, nämlich mit Augen selber die Welt und die Herzen bewege und erschüttere.

In Wien befindet sich tatsächlich nicht nur eine Kopie dieses Bildes, auch eine weitere, aus der Veronese-Werkstatt stammende Variante der Mystischen Verlobung der Heiligen Katharina; der Blogbesucher erblickt sie oben, gleichsam als Frontispiz dieses Eintrags.

Die Frage wäre nun auch hier: Ist's ein Original, oder ist's eine Kopie?

Die Frage wäre desweiteren: ist das überhaupt wichtig? In Zusammenhang mit dem Skandal der Beltracci-Kopien hat man die Frage diskutiert, dass es doch sehr merkwürdig sei, dass die „Aura“ eines Kunstwerks davon abhänge, ob man es für „echt“ oder nicht „echt“ halte – unabhängig davon, ob es vom Meister gemalt worden sei oder nicht. Ein „unechter“ Leonardo verliert plötzlich alles an Aura, sobald ihm der falsche Charakter bewiesen wird – aber das Werk selbst bleibt so, wie es ist: unverändert. Wer indes im 16. Jahrhundert für soundsoviele Zechinen einen „Veronese“ erwarb, war möglicherweise schon glücklich, wenn das Stück verbürgt aus der Werkstatt des berühmten Malers kam. Abgesehen davon, dass die Diskussion in jenem Moment absurd wird, wo zwischen Original und Kopie mit bloßem Auge kaum ein Unterschied festzustellen ist und schon die Qualität der Kopie so groß ist, dass der Betrachter durchaus so glücklich sein kann wie die Lukasstädter Galeriebesucher. Letzten Endes geht es immer um die Frage: Was bedeutet überhaupt „original“? Wer sich, wie Prof. Schmitz-Emans, ohne Ansehen der mehrdeutigen Einwände des  Erzählers darauf kapriziert, dass der Begriff selbst eindeutig definiert werden kann, hat es natürlich gut.

Aber: Stammt diese Heilige Katharina wirklich von der Hand des Meisters? Oder handelt es sich nur um eine alte Zuschreibung, die der Besitzer aus Bequemlichkeit nicht unter die Lupe nehmen will? Im schönen Veronese-Band der Edizione Scala, den ich am 6. Dezember 2006 im Museo Correr (San Marco 52) erwarb[2], hat Filippo Pedrocco eine weitere Caterina abbilden lassen: ein Fresko in der Stanza del Cane der überwältigend fantastischen Villa Maser. Ein Original, zweifellos – aber bei so vielen Veronese-Katharinas fragt sich nicht mehr, welches die echte ist. Wer den Witz und den Reichtum dieser „Kopien“ eines verlorenen Urbildes nicht begriffen hat, sollte mit den Hunden heulen.

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[1] Eine dieser Galerien war die berühmte in Kassel.

[2] Am selben Tag kaufte der Blogger in der Libreria Goldoni S.A.S. (San Marco 4742/43) Vecchi Proverbi Veneziani.



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