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24.02.2014, 12:51 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [359]: In dem Blinde wieder sehen und Lahme wieder gehen

Das Motiv ist bekannt:

Zorn ist ein so herrliches Abführmittel der Betrübnis, dass Gerichtpersonen, die bei Witwen und Waisen versiegeln und inventieren, diese nicht genug ärgern können; daher legier' ich künftig meinen Erben, die mein Tod zu sehr kränkt, nichts testamentarisch als das Mittel dagegen, Erbosung über den Seligen.

In diesem kurzen Aphorismus steckt schon das erste lange Kapitel der berühmten wie beliebten Testamentseröffnung, die wenige Jahre später die Flegeljahre eröffnen wird[1], insonderheit aber folgende, immer wieder Gelächter provozierende Stelle:

2te Klausel

Allgemein wird Erbsatzung und Enterbung unter die wesentlichsten Testamentsstücke gezählt. Demzufolge vermach' ich denn dem Herrn Kirchenrat Glanz, dem Herrn Hoffiskal Knoll, dem Herrn Hofagent Peter Neupeter, dem Herrn Polizei-Inspektor Harprecht, dem Herrn Frühprediger Flachs und dem Herrn Hofbuchhändler Paßvogel und Herrn Flitten vor der Hand nichts, weniger weil ihnen als den weitläuftigsten Anverwandten keine Trebellianica gebührt, oder weil die meisten selber genug zu vererben haben, als weil ich aus ihrem eigenen Munde weiß, daß sie meine geringe Person lieber haben als mein großes Vermögen, bei welcher ich sie denn lasse, so wenig auch an ihr zu holen ist. – –

Sieben lange Gesichtslängen fuhren hier wie Siebenschläfer auf. Am meisten fand sich der Kirchenrat, ein noch junger, aber durch gesprochene und gedruckte Kanzelreden in ganz Deutschland berühmter Mann, durch solche Stiche beleidigt – dem Elsasser Flitte entging im Sessionszimmer ein leicht geschnalzter Fluch – Flachsen, dem Frühprediger, wuchs das Kinn zu einem Bart abwärts – mehrere leise Stoß-Nachrufe an den seligen Kabel, mit Namen Schubjack, Narr, Unchrist usw., konnte der Stadtrat hören. Aber der regierende Bürgermeister Kuhnold winkte mit der Hand, der Hoffiskal und der Buchhändler spannten alle Spring- und Schlagfedern an ihren Gesichtern wie an Fallen wieder an, und jener las fort

Wie kommt der Erzähler auf diese Weisheit? Es ist der Zorn, der Fenk und seinen Ziehsohn davon abhält, allzu sehr und ausschließlich über den Verlust Amandus' zu trauern, da der Doktor „die Ärzte des Landes ex officio visitierte, welche Arzneien machten, nebst den Apothekern, die Repressalien gebrauchten und Rezepte machten“. Gewiss: ein Apotheker, der ein Druckmittel gebraucht und eine amtsanmaßende Tätigkeit ausübt, ist nicht besser als ein Mediziner, der in seinem Heimlabor irgendwelche Mittelchen herstellt, die den Kranken vermutlich unter die Erde bringen.

Ein kurzer Satz – und schon sind wir wieder mitten drin in der historischen Wirklichkeit der Jean-Paul-Zeit, bei der angewandten Quacksalberei, getreu dem „Motto“ des (zu Unrecht verspotteten) Doktor Eisenbarth, das, rund 70 Jahre nach dem Tode Johann Andreas Eisenbarths, ungefähr in der Zeit der Loge entstand:

Ich bin der Doktor Eisenbart,
kurier die Leut' nach meiner Art,
kann machen, dass die Blinden gehn
und dass die Lahmen wieder sehn.

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[1] Just letzte Woche hatte der Blogger das Vergnügen, den Beginn des Kapitels vor den Studenten und Dozenten der Hofer Beamtenfachhochschule zu lesen: gestandenen und noch werdenden Juristen, die an den Klauseln und ihren Folgen ihren Spaß hatten.

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