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16.02.2014, 13:02 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [351]: Ein Gedicht von Carl Hauptmann

Nacht

Dämmern Wolken über Nacht und Tal,
Nebel schweben, Wasser rauschen sacht.

Nun entschleiert sich's mit einemmal:
O gib Acht! Gib Acht!

Weites Wunderland ist aufgetan.
Silbern ragen Berge, traumhaft groß,
stille Pfade silbern licht talan aus verborgnem Schoß;
und die hehre Welt so traumhaft rein.

Stummer Buchenbaum am Wege steht
schattenschwarz, ein Hauch vom fernen Hain
einsam leise weht.

Und aus tiefen Grundes Düsterheit
blinken Lichter auf in stummer Nacht.
Trinke Seele! Trinke Einsamkeit!

O gib acht!
Gib acht!

Natürlich (natürlich?) hat auch Carl Hauptmann Jean Paul gelesen. Seine Tagebücher zeugen davon. In ihnen verkündet er auch, im Jahre 1900, sein extrem jeanpauleskes Credo:

Das ist der Sinn der Kunst, über die Zeiterfüllung, die die Nothdurft fordert, eine zu lehren, die nichts mit aller Bedürftigkeit zu schaffen hat, die den Menschen aus der Nothdurft heraus in das freie Land der Liebe führt.

Hauptmann? Was Martin Glaubrecht über den Dichter und Denker [1]in der NDB schrieb, ist bedenkenswert: „Dass Hauptmann Eigenes und wohl auch gedanklich Tieferes als sein Bruder gestaltete, übersah man lange Zeit. Vor allem das Verhältnis von Dichter und Denker bei Hauptmann wurde kaum beachtet. […] Dennoch ist eine Einschätzung Hauptmanns noch immer schwierig. Sein philosophisch bedeutsamer und für seine Wesenserkenntnis wichtiger umfangreicher Nachlass ist noch ungedruckt; […]  Auch Hauptmanns Stellung in der Literaturgeschichte des 19./20. Jahrhunderts und sein Einfluss auf die Generation der Expressionisten, bei der er – ähnlich Heinrich Mann – als Vorbild geschätzt war, bedarf noch der Klärung.“

Zugegeben: es gibt inzwischen den Beginn einer Werkausgabe, von der immerhin fünf Bände Dramen und Erzählungen lieferbar sind (29 weitere sind in Vorbereitung), aber würde man ihn noch kennen, hätte er nicht das vielleicht zweifelhafte Glück gehabt, mit einem wesentlich Bekannteren verbrüdert gewesen zu sein? Was im Übrigen auf ein schwieriges Verhältnis hinauslief? Mit Gerhart hatte er zusammen im Riesengebirge gewohnt: in Schreiberhau, wo man noch sein 1921 errichtetes, rekonstruiertes Grab besuchen kann, was trefflich zum Logen-Thema dieser Woche passt. Nacht und Grab und Tod und Ewigkeit, das ist es.

Ich habe sein Gedicht gestern entdeckt, als ich eine neue CD mit zwei Liederzyklen hörte. Arnold Bezuyen singt Schumanns Dichterliebe op. 48 (in der kompletten Erstfassung mit sämtlichen 20 Heinrich-Heine-Vertonungen) und Alban Bergs Sieben frühe Lieder. Wie der Rezensent F.P. gerade schrieb

Bezuyens gedämmter Tenor, der wie aus einer älteren, stimmlich samtigeren Epoche in die Gegenwart klingt (man sieht den Sänger mit einer großen, dunklen Krawatte am Flügel stehen), beleuchtet vor allem die Leidensaspekte des Zyklus – und Margulis, ansonsten ein Fachmann fürs brillant Donnernde, holt aus dem Steingraeber C-212, sich merklich Zeit lassend, die diffizilsten Schattierungen und hellen Farben heraus. Die Beiden sind auch in Sachen Alban Berg ein Traumpaar. Berg hat 7 Lieder aus den Jahren 1905 bis 1908 zu einem Bund kostbarer Blumen zusammengestellt; Margulis legt größten Wert auf die Jugendstilatmosphäre, der – zwischen spätester Romantik und früher, kristallkühler Moderne – die Vertonungen der Liebesgedichte insbesondere Rilkes und Carl Hauptmanns durchweht.

Carl Hauptmann hat die Nacht für alle Gustavs dieser Welt geschrieben. Hinter dem Grab wartet die Ewigkeit auf den Trauernden: doch um den Preis der Einsamkeit.

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[1] Diese Formel stammt von Jean Paul.



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