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05.02.2014, 13:40 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [340]: Kein Final-Orkan und Sonnenbrillen im Dunkeln

Amandus´ letzter Wunsch: er wundert einen nicht – denn er möchte noch einmal Beata sehen. Die Bitte kann ihm, denken Gustav und Fenk, nicht abgeschlagen werden, ohne dass man nicht immer, falls man sie nicht erfüllte, ein schlechtes Gewissen durchs Leben tragen würde, womit wir wieder bei den Gefühlen sind, die man nicht provozieren sollte: Erfüllt den Sterbenden ihre letzten Wünsche, wenn´s irgend geht.

Und wenn es nicht geht: Habt kein schlechtes Gewissen. Den Tod kümmert ja auch kein menschliches Gefühl.[1]

Gustav aber verweigert sich einem eigenen Wunsch: den Sterbenden zu küssen: Meine Lippen sollen nur noch einmal gedrückt auf seinen liegen. Nur die Angst, dass Amandus unter diesem Akt sterben könnte, hindert ihn daran, seiner Emphase derart Ausdruck zu geben.

Diese Zärtlichkeit, die sich selbst aufopfert und nicht aus der Nonnenzelle des Herzens tritt, gefällt mir mehr als ein belletristischer und theatralischer Final-Orkan, wo man empfindet, um es zu weisen, um eine Tränen- und Dinten-Fistel zu haben wie andre, um von seinen Empfindungen, wie vom Schnupftuch, womit man sie trocknet, einen Zipfel aus der Tasche herauszuhenken.

Jean Paul ist wirklich gut! Hat er nicht selbst oft einen belletristischen Orkan entfesselt? Auf den ersten Blick verwundert diese Abweisung alles Heftiglauten, aber es stimmt: der Dichter hat subtilste Mittel benutzt, um größte Gefühle im Leser zu entfachen. Er musste nicht wie Schillers Räuber[2] poltern, um Empfindungen zu zeichnen, die wirksamer sind als ein noch so gewaltiger Sturm der Worte und der vom Autor gepeitschten Sätze.

Auch ein Liebeskuss kann ein Todeskuss sein. Davon wissen die Figuren des Romans Sunglasses after dark eine ganze Menge. Der Vampirroman erschien bereits im Jahre 1989, als – trotz Dracula und Nosferatu – von „romantischen“ Vampiren und einer grassierenden „Romantischen Vampirroman“-Manie im Stile der Twilight-Serie noch längst nicht die Rede war – aber er steht in einer Tradition, die die innigen Beziehungen zwischen Liebe und Tod immer wieder beschwört. Sunglasses after dark ist übrigens nicht der einzige Sonja-Blue-Roman. Miss Collins hat insgesamt vier Romane und eine Kurzgeschichtensammlung mit ihrer untoten Titelheldin vorgelegt.

Überflüssig zu sagen, dass Jean Paul der Begriff des Vampyrs vertraut war. In seiner Selberlebensbeschreibung spricht er von der Vampyrenzunge, die „das Ende der Winterabende“ für den kleinen Mann in Joditz markierte. Und im Hesperus spricht der Geist: „Würdige mich, auf mein Schattenspiel zu schauen, damit du über den Abendstern, den ich vor dir vorüberführe, die Erde vergessest, auf der du stehest, und die sich jetzo mit tausend Gräbern wie ein Vampyr an das Menschengeschlecht anlegt und Opferblut saugt.“

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[1] Dass der Blogger – leider – sehr genau weiß, wovon er da so altklug daherschwatzt, ist keine Entschuldigung für ein einstiges Versäumnis – aber eine Erklärung, die (auch) verständlich machen sollte, wieso er um die Sache drumherumredet, die ihn an seine Jugend erinnert. Nicht jeder Jugendliche muss das besitzen, was man „die Weisheit des Herzens“ nennen könnte.

[2] Nichts gegen den großen Dramatiker Schiller!



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