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15.11.2012, 18:37 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [34]: Über Erdhäufchen und Musenberge

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Noch heute kann man im Bayreuther Schloss eine einzigartige Raumausstattung bewundern, die vielleicht freimaurerischem Gedankengut verpflichtet ist. In diesem Fall würde im Palmenzimmer des Neuen Schlosses Markgraf Friedrich, der Gatte Wilhelmines von Bayreuth, als neuer Salomo gefeiert (Joachim Sandrart hatte schon 1680 den späteren Soldatenkönig als Salomo tituliert). ‚Das Theater ist ein Palmwald‘, wie es in der Zauberflöte heißt (für Jean Paul hieß die Oper nach einer Bayreuther Aufführung Der Zauberdudelsack): der fabelhafte Tempel Salomons, in dessen Allerheiligstem das Schnitzwerk von Palmen zu finden war (1. Könige, 6,29), stellte für die Freimaurer das vorbildhafte Gebäude der Weisheit und Humanität dar. Ob das Palmenzimmer als Versammlungsraum der Bayreuther Loge gedient hat, der der Markgraf vorstand - einer Loge, die just in dem Jahr in einer Wiener Oper gefeiert wurde, in dem Jean Paul mit der Unsichtbaren Loge begann –, ist freilich nicht mehr als eine Behauptung. Auf jeden Fall stellte sich Johann Lund im Jahre 1695 (in den Alten Jüdischen Heiligthümern, Gottes-diensten und Gewohnheiten, für Augen gestellet, in einer ausführlichen Beschreibung des gantzen Levitischen Priesterthums) das Allerheiligste des Salomonischen Tempels als einen Palmensaal vor, was an sich richtig ist: wer die Palmen Jerusalems übersieht, muss blind sein.

Gustav, nun verwiesen auf ein kleines Spielfeld (denn Entführungen sollen definitiv nicht mehr vorkommen), kommt auf die Idee, eine Art Mückenlouvre zu bauen, wie es in einem anderen Werk des Dichters heißt. Er sammelt Insekten ein, um sie „in einen schönen Salomons-Tempel oder in eine Silberschlag-Noachitische Arche von Pappendeckel mit mehr Fenstern als Mauer zusammen“ zu drängen.[1] Auch hier begegnet, gleich doppelt, Biblisches: Der Erzähler spricht ausdrücklich von einem „vierten Salomonischen Tempel“, was insofern richtig ist, als dass der erste Tempel immerhin in der Bibel erwähnt wird – gefunden wurde er nie. Wie, ja ob er überhaupt jemals existierte, ist der kritischen Bibelwissenschaft und -archäologie[2] absolut zweifelhaft.

Eine neue Figur tritt auf: der Kammerjäger Robisch, eine zwielichtige Figur. Jean Paul erfindet weder einen hübschen Vergleich: „Ich will die Gelehrten-Republik eben nicht bereden, dass dieser Mausschächter so viele unterirdische Maulwürfe aus der Welt fortschickte, als jährlich schriftstellerische hineintreten, um sich auf die Hinterfüße zu setzen und dann mit den Vorderfüßen, die an beiden Maulwurfarten Menschenhänden gleichen, in den Buchläden und auf dem Leipziger Buchhändlermarkte ihre Erdhäufchen als kleine Musenberge aufzuwerfen.“ Der Mann habe, schreibt der Erzähler Jean Paul, eine „morastige Seele“ - weil er, wenn Rekruten ausgehoben werden, an der Spitze der Ausheber steht (er macht den Leithund, sagt Jean Paul), weil er allgemein die kleinsten Tiere, also nicht nur das Ungeziefer ausrottet – und weil er sich mit seinen „Fabrikaten“ an den kleinen Gustav herandrängt, doch ohne „elterliche Kindlichkeit“. Dies macht ihn zu einem niedrigen Menschen; ein „hoher Mensch“ besitzt vermutlich die Fähigkeit, sich auf das Niveau des Kindes zu begeben, ohne darin kleiner zu werden.

Ein solches „Fabrikat“ ist nun jenes Insektenhäuschen, aber was sonst noch? Wir erfahren es leider nicht, wir lesen nur, dass er Gustav einen Starmatz besorgt, der nun alles frisst, „was nichts zu fressen hatte“. Wieder ein Wortspiel, ein kleines – man freut sich, wenn man so etwas entdeckt (und es passiert minütlich).

 


[1] Später sammelte Jean Paul Fliegen – freilich zu einem praktischen Zweck. dem der Wetterfroschfütterung.

[2] Ich verweise auf die einschlägigen Schriften Finkelsteins und Silbermans.



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