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03.02.2014, 11:07 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [338]: Jeder stirbt für sich allein oder Final picture

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Seltsam:

Wenn man gerade einen Film gesehen hat, in dem angedeutet wird, dass in einem letzten Atomkrieg 90 Prozent der Weltbevölkerung ausgelöscht werden – was auf die Vernichtung der gesamten Menschheit hinausläuft, weil die restlichen zehn Prozent innerhalb von wenigen Tagen in ihren Bunkern sterben werden –, und wenn dieser Film zu großen Teilen in Jean Pauls Geburtsstadt Wunsiedel gedreht wurde und die 60 Kilometer südlich gelegene Stadt namens „Wagnershausen“, womit natürlich Bayreuth gemeint ist, in der der Blogger gerade sitzt, und in der der Dichter starb, im Film getroffen wird, sodass hier keine einzige Seele mehr übrig bleibt – dann liest sich Amandus' Sterben vielleicht ein wenig anders als vor Tische.

Jeder stirbt für sich allein? Auch der persönliche Wunsch des Erzählers, der der Wunsch des Autors ist – sinnlose Trennung dieser beiden Ebenen! – erhält ein seltsames Gepräge, das rührender ist, als es die naive Lektüre nahelegt: denn es genügt offensichtlich nicht, in diesem Wunsch die Sehnsucht eines Individuums zu sehen. Vor der Folie eines möglichen Atomkrieges, in dem die Anrufung eines persönlichen Todes – wie eines persönlichen Gottes – so absurd ist wie nie zuvor, wechselt auch dieses Gesicht seine Farbe:

Lieber Tod! ich denke jetzt an mich. Wenn du einmal in meine Stube trittst: so erweise mir den Gefallen und schieße mich an meinem Secrétaire oder Schreibtische Knall und Fall tot; wirf mich, lieber Tod, nicht hinter die Vorhänge aufs Krankenbette und suche mit deinem Trennmesser langsam jede Ader, um sie vom Leben loszutrennen, so dass ich dir ganze lange Nächte ins zergliedernde Gesicht sehen muss oder dass unter deinem langen Seidenzupfen meines Seelenkleides alles herläuft und gesund zuschaut, der Rittmeister, der Pestilenziarius und meine gute Schwester. – Reitet dich aber der Henker, dass du keine Vernunft annimmst: so, lieber Tod – da keine Hölle ewig dauert – scher' ich mich auch nichts darum, um die letzte Schererei nach tausend Scherereien.

Der Film übrigens heißt Final picture[1].Das letzte Bild enthüllt sich den an Amandus Sterbebett Stehenden in ungebremster Gestalt; der Doktor Fenk muss sich andere Patienten nehmen, „weil er zu Hause einen hätte und sich den Gedanken an ihn wegkurieren wollte“.

Auch dies ist eine der kostbaren Stellen bei Jean Paul, die verständlich machen, wieso dieser Autor immer noch – anders als die meisten seiner Zeitgenossen, die als „einfach“ gelten – geliebt und gelesen wird.

Foto: Frank Piontek, 3.2. 2014

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[1] Und wurde 2013 von Michael von Hohenberg im Rahmen der Jugendfilmprojekte Oberfranken e.V. gedreht. Für schlappe 15.000 Euro entstand ein dramaturgisch höchst beeindruckender Langfilm, der davon zeugt, dass Fantasie für die Kunst immer noch wichtiger ist als „große Effekte“ – oder anders: dass große Effekte nicht unbedingt durch den Einsatz „großer“ Mittel entstehen.



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