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31.01.2014, 13:11 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [336]: Kostbare Zeilen inmitten von Edelkitsch

Nächtlicher Gang

Nichts ist vergleichbar. Denn was ist nicht ganz
Mit sich allein und was je auszusagen;
Wir nennen nichts, wir dürfen nur ertragen
Und uns verständigen, daß da ein Glanz
Und dort ein Blick vielleicht uns so gestreift
Als wäre grade das darin gelebt
Was unser Leben ist. Wer widerstrebt
Dem wird nicht Welt. Und wer zuviel begreift
Dem geht das Ewige vorbei. Zuweilen
In solchen großen Nächten sind wir wie
Außer Gefahr, in gleichen leichten Teilen
Den Sternen ausgeteilt. Wie drängen sie.

Ein solcher Gang durch die Nacht beugt die Seele nieder, und seinen Freund sah er auf diesem kurzen Wege mehr als zehnmal sterben. Bei jedem Vogel, den sie aus dem Bette jagten, dacht' er: wie wirst du im Finstern dein Ästchen wiederfinden? – bei jedem zerfließenden Licht, das weit von ihm durch die Nacht wandelte, dacht' er: welchen Seufzern, welchen sauern Schritten wird es jetzt den langweiligen Steig beleuchten? und es war ihm, als säh' er das menschliche Leben gehen.

Rilke ist ein durch und durch erstaunlicher Dichter: weil es Kolonnen von Versen bei ihm gibt, die schlechtester Edelkitsch sind – zwischen denen aber urplötzlich eine Zeile aufglänzt, die so kostbar ist, dass man sie einfassen – oder freistellen sollte, wie in obigem Fall. Dass Rilke wesentlich mehr ist als ein „literarischer Herrenreiter“ (wie der Dr. Piontek ihn gern zu benennen pflegte), merkte der Blogger, als er es anno 2009 auf sich nahm, die in seiner Sammlung befindlichen, relativ wenigen Rilke-Gedichte auf ihre Verwendbarkeit für Marieluise Müllers Rilke-Spiel Du musst das Leben nicht verstehen – dann wird es werden wie ein Fest zu überprüfen. Die Genialität von Müllers szenischer Text-Collage bestand nun darin, einen konsistenten Stücktext aus Fragmenten zu basteln. Es gelang – weil kaum ein Rilke-Gedicht in Gänze taugt. Es muteten manche Sterne dir zu, dass du sie spürtest – dieser erschütternde Vers, der so vieles begreiflich macht, an tiefe Schmerzen erinnert und doch nachträglich zu trösten vermag, steht beispielsweise kurz vor folgenden Worten: Es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt. Das ist – pardon – Schwulst von vorgestern, aber (germanistisches Seminar hin oder her) kein Material für ein Rilke-Projekt oder Rilke-Spiel (Frau Müller hat es gewusst).

Immerhin – die Bemerkung sei noch gestattet – ist Rilke, wenn ihm auch nur wenige völlig gelungene Gedichte unter die Feder gerieten (was für ein Abstand etwa zu Eichendorff! Zu Goethe!)[1] immer noch ein wesentlich besserer Lyriker als Hesse, dessen „Lyrisches Gesamtwerk“ – eben nicht aus „Lyrik“, sondern aus tiefernst banalen oder komisch sein wollenden, nicht weniger trivialen Versen besteht.

Nicht, dass ich jetzt zum Rilkeaner á la mode würde. Nicht, dass ich jetzt jeden Rilke-Vers heilig finden würde.

Es ist nur interessant, beide Herrschaften in ihren nächtlichen Gängen zu beobachten: Gustav, der todeswehmütig zum sterbenden Amandus läuft, und den Dichter der starken An-Deutungen, der jenes „Es“ erfasst hat, um das Gustav noch ringt – wenn er denn ringt, woran ich zweifele:

Wer widerstrebt
Dem wird nicht Welt. Und wer zuviel begreift
Dem geht das Ewige vorbei.

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[1] Freilich: Der kluge Max Frisch meinte einmal, dass es außerordentlich schwer sei, ein „haltbares“ Gedicht zu schreiben.



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