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14.11.2012, 18:32 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [33]: Über die Strohkranzrede des Konsistorialsekretärs

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Ein großer, nach wie vor aktueller Stichwortgeber des Dichters: der Philosoph David Hume, gemalt von Allan Ramsey, als Jean Paul drei Jahre alt war.

Lange Rede, kurzer Sinn: Da sich nach herkömmlicher physiologischer Lehre die Körper – also auch die „Ehekörper“ - zu erneuern pflegen, ist Ehebruch nicht verboten, sondern an der Tagesordnung. Wird er willentlich ausgeführt, so ist nach Ablauf einer wissenschaftlich bestimmbaren Zeit von vier Jahren nicht strafbar, weil der Körper, den Mann oder Frau betrügen, als Erneuerter ein völlig anderer als jener, dem Mann oder Frau die Treue gelobten.

Jean Paul schiebt als zweites Extrablatt eine Satire über die Unmöglichkeit ein, den Ehebruch langfristig als Straftatbestand zu brandmarken: eine „Strohkranzrede eines Konsistorialsekretärs, worin er und sie beweisen, dass Ehebruch und Ehescheidung zuzulassen sind“. Lesbar ist das, weil er „seriöse“ wissenschaftliche Erkenntnisse seiner Zeit derart hochdreht und scheinbar ernst nimmt, dass am Ende ein geistreicher Quark dabei herausspringt, der die Physiologie, die Justiz und das Verwaltungswesen auf die Schippe des Witzes nimmt. Interessant ist es, weil der Autor dieses Traktats – als er ihn zum Druck beförderte – mit Frauen bislang nur theoretisch zu tun hatte, soweit es diejenigen Funktionen betrifft, die nach dem Kirchenrecht – und dem „aktuellen“ Katechismus! - einzig jener Zeit vorbehalten sind, die auf die Ankopulation zweier Subjekte folgt. Auf deutsch: Jean Paul konnte nicht einmal ahnen, was „Ehebruch“, was „Sex“, was „Betrug“ im Kern bedeuten. Als er dann selbst verheiratet war, sollte er seine Ehekritik privat erneuern; er und Caroline standen selbst einmal kurz vor der Trennung.

Und wo bleibt bei der Erneuerung des Körpers die „Seele“? Ich könnte auf meinen Musil-Blog verweisen, in dem es viele Einträge lang um die Diskussion der „Seele“ geht, aber ich lasse das. Es reicht, dass der Traktatskribent darauf hinweist: es seien ja die Körper, nicht die Seelen vor dem Traualtar verbandelt worden. Folgt er David Hume, so behauptet der, „die Seele wäre gar nichts, sondern bloße Gedanken leimten sich wie Krötenlaich aneinander und kröchen so durch den Kopf und dächten sich selbst.“[1]

Interessant! Schon Hume geht in seinem Treatise of Human nature schon nicht mehr davon aus, dass es etwas gibt, was dem Begriff „Seele“ real entspräche, oder anders: dass die „Seele“, von der man bis heute so viel redet, in irgendeiner Art und Weise erkannt werden könne. Ich habe keine Ahnung von Hume, vielleicht geht auch  er noch davon aus, dass „Seele“ wie auch immer existiert. Entscheidend scheint mir zu sein, dass „Seele“ nicht definiert werden kann. Insofern hat der Konsistorialsekretär völlig Recht: man kann nicht etwas für etwas verantwortlich machen, was undefinierbar ist. Den „Ehebruch“ aber derart sophistisch hinwegzudividieren: das ist der Gipfel der Aufklärung (und wie dialektisch Aufklärung ist: das muss man auch einem Jeanpaulianer nicht erläutern).

Gelehrter Anhang über ein neues, altes Wort

Der Leser lernt heute (mindestens) ein neues Wort kennen: Bloch, plural Blöcher. „Wahrlich, ein solches geistliches Landeskollegium legt oft die lange Säge an und zersägt Eheblöcher oder Betten, in denen Ehepaare 21 Jahre lang gehauset hatten, die in so langer Zeit wenigstens siebenmal (alle drei Jahre sind Ehebruch und Ehescheidung fällig) wären zu scheiden und zu trauen gewesen“, schreibt der Traktateur. „Bloch“ bedeutet, lese ich im Grimm, truncus, caudex, cippus. Es wurde bewahrt in dem nach wie vor bekannten Wort „Block“: „in den Block schlagen“ sagt alles, denn „verbrecher musten das bloch oder den stein auf dem rücken tragen“. NB: dieser grelle Witz passt trefflich zu Jean Pauls satirischer Essigproduktion – vor allem deshalb, weil er die Sache 1791 nur halb verstehen konnte. Allein noch heutige Ehepartner – zumal männliche – könnten über derlei Witze lachen (wenn auch nicht auf Niveau: der Witz ist einfach zu verbraucht – aber der Traktat ist nicht schlecht).


[1]  „Bei solchen Umständen kann das Brautpaar Gott danken, wenn sein Paar kopulierter Seelen nur so lange halten will, wie die zwei Paar Tanz-Handschuhe des Hochzeitballs. Auch sieht man es am Vormittag nach den Flitterwochen.“



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