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20.12.2013, 12:01 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [308]: Fünftes und letztes Kasseler

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1793 vollendete Jean Paul den zweiten Band der Unsichtbaren Loge, 1801 reiste er nach Kassel. 1793 begann man mit dem Bau der Löwenburg im Bergpark der Wilhelmshöhe, 1801 vollendete man sie: die geborene Ruine.

Was auf den ersten Blick wie das Gruselschloss aus Nosferatu aussieht, erweist sich bei näherem Hinsehen von außen als künstliche Ruine, von innen als barockes Lustschloss (mit einzigartigen Objekten wie einer Wandbespannung mit Völkertrachten). Die leicht spleenige Idee hatte Landgraf Wilhelm IX. von Hessen-Kassel, der sich, wie später Ludwig II., auf der Löwenburg in seine romantische Traum- und Turnierwelt flüchtete. Man hat hier tatsächlich Turniere veranstaltet: Vor den Burgtoren war der Kampfplatz, bevor drinnen, im Jahre 1821 – da lebte Jean Paul noch in Bayreuth und dachte über seine Ruine nach –, der Fürst in mittelalterlichem Stil in der neugotischen Burgkapelle begraben wurde.

Wir befinden uns am Beginn der Deutschen Romantik, die Idee liegt in der Luft. Könnte die Löwenburg nicht auch im Park des fürstlichen Schlosses zu Scheerau stehen? Sie könnte, wenn auch wohl nicht in dieser Größe. Wo künstliche Einsiedeleien und Staffagen den Blick erfreuen, darf auch eine künstliche Ruine nicht fehlen. Jean Paul hat später, nach Vollendung des unvollendeten Romans, derartige Ruinen in seiner Wahlheimat Bayreuth sehen können: im Park der Eremitage, wo auch heute noch ein Römisches Theater und ein Antikes Grabmal zu den Besonderheiten zählen. Auch in Sanspareil (bei Thurnau) hat das Markgrafenpaar ein halbes Jahrhundert vor Jean Paul ein Theater in Ruinenmanier in den Wald gestellt: eine frühromantische, sehr moderne Idee avant la lettre, wie die Fachmännin sagt. Auch insofern sind Jean Pauls Romanruinen (Die unsichtbare Loge, Siebenkäs, Flegeljahre, Der Komet) zeitgenössische Werke ersten Ranges – die Löwenburg aber, als intendierte Ruine, war nur das traurige Surrogat eines betörenden Fragments. Ironie der Geschichte: erst nach der Bombardierung hat sie 1945 einen authentischen Ruinencharakter gewonnen; heute bemüht man sich, und auch dies ist ironisch, um die Rekonstruktion der künstlichen Ruine.

„Das Werk hat seinen Schöpfer in eine Sackgasse, an ein ‚dead end‘ geführt“, wie George Steiner im Totalen Fragment einmal schrieb. Allein es gilt auch, dass im meisterhaften Bruchstück die Vollkommenheit für alle Zeiten enthalten ist. In diesem Sinn mag das totale Fragment auch eines Jean Paul klüger sein als seine noch so raffinierten Vollendungsversuche:

Das Fragment bewahrt also eine Wahrheit und Intensität der Verheißung, die den willkürlichen und daher in gewisser Hinsicht künstlichen Totalitäten unserer historischen Welt abgeht. Wir haschen nach ihm wie ein Kind, das auf der Suche nach dem Schatz den Wald durchstreift. Im Rauschen der winzigen Muschel vernehmen wir das ungebrochene Versprechen der reinigenden See.

Fotos: Frank Piontek, 5.11. 2013



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