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19.12.2013, 14:00 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [307]: Die Schriften des Karl Hartwig Gregor Freiherr von Meusebach

In Ton-Klumpen wohnen die Bauern; in der Stadt gibt's wenige Ellbogen, die nicht eine betttelnde Hand aufmachen, die zwei langen ausgenommen, die sogar jede Hand stehlen, die mit dem Zepter.

Er verlässt die Gemäldegalerie (schönste Dinge hat er hier gesehen, auch Potters pissende Kuh), nun läuft er den Hang hinunter, hinein in die herrlich große, fast endlos scheinende Karlsaue. Caroline liebt das: mit ihm Arm in Arm durchs Grün zu schlendern, auch wenn es nicht mehr ganz so warm ist, doch der September zeigt noch einen prachtvollen Sommerrest.

Irgendwann ist man wieder auf der Frankfurter Straße angelangt. Man geht weiter durch die Innenstadt und kommt bald, in einem kleinen Knick geht’s nach rechts, zum Anfang der Lindenallee, der erst seit zwei Jahren eine neue, repräsentative architektonische Gestalt besitzt.

Später wird sie in „Wilhelmshöher Allee“ umgetauft werden; Karl Schwartz wird 1878 im Leben des Generals Carl von Clausewitz[1] und der Frau Marie von Clausewitz eine Geschichte erzählen, die sich 1801 in der Wilhelmshöher Allee zugetragen hat. Der Oberjägermeister von Witzleben wohnte damals in dieser Allee, Jean Paul ging mit Caroline an seinem Haus vorbei, und Jean Paul hörte plötzlich sein Lieblingslied aus dem Fenster schallen: Namen nennen dich nicht, / Dich bilden Griffel und Pinsel, / Sterblicher Künstler nicht nach. Schwartz berichtet:

Nachdem Jean Paul eine Zeitlang gelauscht hatte, konnte er dem Verlangen, die Sängerin kennenzulernen, nicht widerstehen; er trat mit seiner Gattin bei der Familie v. Witzleben ein, die dem berühmten Dichter, als er sich genannt hatte, natürlich mit größter Freundlichkeit entgegenkam.

Jean Paul und der Gesang... Wir wissen, wie er auf Musik reagierte, die aus weiblichen Kehlen kam, wir haben ja gelesen, wie er Beatas Gesang beschreibt. Aus der Physik der Stimme entspringt die Metaphysik der Sinne, im Gesang werden Kunst und Anmut, Liebe und Dichtkunst zu einer vollkommenen Einheit geführt. Wer aber war die junge Dame, deren Gesang den Dichter so begeisterte?

Berend meinte: Ernestine von Witzleben oder deren Schwester. Ernestine war – wenn wir uns auf sie caprizieren – später mit einem interessanten Mann verheiratet, der sich noch Jahre später an die Szene erinnerte: mit

Karl Hartwig Gregor Freiherr von Meusebach

Sieben Jahre später, am 27. Dezember 1808, sollte Meusebach dann, aus dem hessischen Dillenburg, an Jean Paul schreiben:

Sie hörten einmal in der Wilhelmshöher Allee vor Kassel dem am Klavier gesungenen Liede eines lieben, bescheidenen Fräuleins zu: Namen nennen Dich nicht etc.; Sie und Ihre Frau Gemahlin gewannen das Fräulein (die mittlere von drei Schwestern) wohl lieb; der Mann dieses lieben, zarten, sanften Engels (wie ein sehr freundliches Billet Ihrer Frau Gemahlin sie nannte) ist es, der Sie jetzt bittet, ihm auch Liebe und Zuneigung zu geben, wie damals seiner schon damals von ihm in verschwiegener Stille geliebten Ernestine. Das Jahrfünf ist beinahe voll, seit diese Ernestine v. Witzleben des Lebens Freuden und Leiden mit mir teilt, aber der letzteren vielleicht mehr, als sie verdient.

Was nun folgt, muss in Gänze zitiert werden. Es zeugt von einer ausgestorbenen Briefkultur, die man auf den ersten Blick für überspannt halten könnte – schaut man genauer in die Tiefe, entdeckt man die Spuren einer Empfindsamkeit, die noch zu uns Nachgeborenen spricht:

Sie haben sie als Tochter gesehen, und nur die beste Tochter kann die beste Mutter werden. Das winzige Büchlein, das ich beilege, gibt S. 83 u. 85 von Zahl und Namen ihrer Kinder gute Auskunft. Aber wenige Tage, nachdem jene nachdatierte Epistel an meine Frau zum Druck beturdert wurden war, gingen wir schon des dort designierten Liebesboten verlustig, und seine arme Mutter hatte das Unglück, selbst die zufällige Ursache seines Todes zu sein.

Am Morgen des 7. Juni d. J., als Ernestine in meiner Stube Kaffee machen wollte, und der frohe liebliche Otfried mit gleicher treuer Zutraulichkeit von der Mutter zu mir, von mir zur Mutter lief, welche eben an der Theemaschine rückte, stürzte diese herunter und das siedende Wasser über den herrlichen Jungen her, der nach achtzehn schweren Schmerzenstunden tot war. Ach! Eltern werden grausamer und härter verwaist durch frühes Hinsterben ihrer Kinder als diese durch das frühe jener. Ernestine wurde sehr krank und gab in der Nacht vor dem Morgen, an dem ich dem Gottes- und Totenacker zum zweitenmale ein geliebtes Kind zuführen musste, mir selbst die Furcht ihres eigenen Verlustes. Doch raffte sie sich wieder auf und erfüllte nach vier Wochen die Verheissung des antedatierten Briefextraktes; sie gebar die kleine Ludowine, die aber, da der letzte Monat ihres verborgenen Lebens von der mütterlichen zwiefachen Krankheit hart mitergriffen worden war, nur leise Hoffnung eines Trostes und Ersatzes gab. Zehn Tage nach der Niederkunft wurde meine Frau, von zu starkem Blutverlust entkräftet, aufs neue und bald so tötlich krank, dass ich nach dem Willen des Arztes schon einmal, um ihr das Scheiden vom Leben durch meine Gegenwart und das Scheiden von mir nicht schärfer und schmerzhafter vor das brechende Auge zu rücken, mich aus ihrer Stube entfernen und nur die Stunde erwarten musste, wo ich das teure, geliebte Wesen zum letztenmale, aber ohne Puls- und Herzschlag für mich, sehen konnte. Gott aber half wunderbar; sie schien genesen, fiel aber nach vierzehn Tagen von neuem auf das Krankenbett zurück; abermals schien sie rettungslos verloren, kam aber auch jetzt mit dem Leben davon, erholte sich allmählich und auch das Kind gedieh.

Jean Paul schrieb folgende Antwort:

Leider eilig! Bayreuth, den 7. Jenn. 1809.

Mein erster Brief in diesem Jahre ist an Sie, sowie meine erste erhaltene Morgengabe dieses Jahres Ihr Brief gewesen, den ich den 1. Januar bekommen samt dem Büchlein, dessen Anfang ich schon lauge und so froh aus der eleganten Zeitung gekannt. In Weimar bekam ich einen anonymen Brief aus Jena, der gewiss der Ihrige gewesen. Ich danke dem Schicksal, dass Sie mich lieben — und Sie lieb' ich herzlich, wenn Sie auch nur Ihr Büchlein, nicht Ihren Brief geschrieben hätten.

Nachahmung ist etwas anderes als Nachäffung oder Nachahmerei; denn sonst gäbe es nur einen originellen Autor, den ersten Schreiber. In Ihrem Büchlein gehören die Einfälle ja nur Ihnen allein; auch die Manier konnten Sie nicht abschreiben, sondern sie fortsetzen, wie ich ja selber thue, wenn ich weiter schreibe. Ihre Laune und deren Bewahrung oft bis auf das Wörtchen herab hat mich sehr erquickt; und mein Wunsch ist nun, dass Sie vom Fragmentarischen zum Ganzen überschreiten und den Witz etc. nur einschalten, der sich jetzt ein Privileg des Einschaltens einschaltet. Ich und meine Frau erinnern uns noch sehr lebhaft d. h. sehr froh der drei Schwestern, welche so schon an die schönste mythologische Drei erinnern.

Aber Ihnen und Ihrer Gattin noch mehr kann das Schicksal den durch-bohrenden Blitzstrahl nur durch einen seltneren Frühling vergüten; mich und noch mehr meine Frau hat die Thee-Wasserprobe zum Schaudern gebracht. Aber das heimgegangene Wesen muss als Engel herunterschweben – oder wer die Stelle vertritt –  und es muss längere Leiden heilen, als es empfangen hat, kurz nach einem solchen Unglück – glauben Sie mir – bereitet das Schicksal grosses Glück zu oder hat es schon gethan.

Leben Sie wohl, trefflicher Mann! Jede Nachricht Ihres Fortlebens ist mir willkommen. Gegrüsst von ganzem Herzen sei die Schöne, Zarte und Lebensverwundete, wenn der letzte Ausdruck erlaubt ist, da sie einen solchen Mann hat! Es gehe Ihnen beiden wohl!

Ihr
Jean Paul Fr. Richter

Wer aber war dieser Herr Meusebach? Kein ganz unbedeutender, auch ein origineller Kopf, fast eine jeanpauleske Erscheinung. Er zählte zunächst einmal – dies passt zur Gebrüder-Grimm-Stadt Kassel – zu den wenigen  Beiträgern der Märchensammlung, die in Mecklenburg-Vorpommern beheimatet waren[2]. Es lohnt sich, den Eintrag in der ADB zu zitieren:

Um der Gedichte seiner Kornblumen von Alban (Marburg 1804) willen würde ihn die deutsche Litteraturgeschichte nicht zu nennen haben. Auch der Geist aus meinen Schriften, durch mich selbst herausgezogen und an das Licht gestellt von Markus Hupfinsholz (Frankfurt 1809) würde nur als ein Ableger Jean-Paulschen Humors vielleicht eine vorübergehende Erwähnung verdienen. Aber Meusebach gehörte zu den vornehmen Dilettanten, welche den wissenschaftlichen Begründern der altdeutschen Philologie begünstigend, theilnehmend, helfend zur Seite standen; und er beherrschte sein eigenes Gebiet unumschränkt als ein großer Kenner und wahrer Gelehrter: die deutsche Litteratur des 16. und 17. Jahrhunderts und der benachbarten Zeiten. Die Liebe, die er zu Jean Paul  gefaßt hatte, übertrug er auf Johann Fischart; dieser stand im Mittelpunkt aller seiner Studien und litterarischen Pläne, die freilich Pläne  blieben und über das Stadium höchst gründlicher umfassender Vorarbeiten nie hinauskamen.

Er war außerdem ein Erfinder auf dem Gebiete der komischen Litteratur. Er hat die epistolarische ‚Dichtungsart‘, wie er sagt, durch den Begriff des ‚Klebebriefs‘ erweitert; und dies ist etwas so verrücktes, daß keine gedruckte Publication davon auch nur ein annäherndes Bild gewähren kann. M. besaß eine reiche Sammlung von komischen und seltsamen Ausschnitten aus Zeitungen und untergeordneten Druckwerken. Er hatte sie theils selbst gesammelt, theils von andern sammeln lassen; alle jungen Herren seiner Bekanntschaft achteten für ihn auf seltsame Worte, wunderliche Wendungen, ungeschickt ausgedrückte Gedanken, sonderbare Annoncen, und trugen ihm dieselben zu, sei es daß sie an sich lächerlich waren oder durch Verstümmelung lächerlich gemacht werden konnten. Und diese schätzbaren Materialien verwendete er für seine Briefe, indem er jene Ausschnitte entweder seinen eigenen Sätzen einfügte oder ganze Seiten lediglich daraus componirte. Der Eindruck der verschiedenen Zettel mit ihrem bunten Druck und Papier und der Gedankenzerrbilder, welche mit solchen Mitteln hergestellt werden, die Anschauung eines so gänzlich unzweckmäßigen, mühsamen, zeitverschwendenden, aber durch und durch lustigen Treibens, verbunden mit dem scurrilen, anspielungsreichen, auf unaufhörliche Ueberraschung berechneten Stil ist über alle Beschreibung spaßhaft.

Man sieht: Meusebach war ein würdiger Nachfolger Jean Pauls, Wutzens und Fibels, die eine eigene Art von selbstgemachter Literatur erfanden; er folgte allerdings auch Jean Pauls moralischen Maximen[3].

In der Stadt gibt's wenige Ellbogen, die nicht eine betttelnde Hand aufmachen – und interessante, liebenswürdige Leute, von denen einige sicher acht Jahre zuvor die Unsichtbare Loge und den Hesperus verschlungen hatten.

Fotos: Frank Piontek, Mai 2010

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[1] Was den Blogger – pardon – an das Chanson des Berliner Kabarettisten Klaus Günter Neumann (nicht zu verwechseln mit dem „Insulaner“ Günter Neumann) erinnert, dessen Refrain folgendermaßen lautet: In der Clausewitzstraße, in der Clausewitzstraße, / zackzack, da issn Puff, / da jehn Se doch mal ruff, / vielleicht iss er schon morgen nich mehr uff. Nicht sehr fein – aber seit ca. 1977 im Berliner Gedächtnis des Bloggers verankert. Berliner Poesie eben.

[2] Nur für Spezialisten: Die Märchen Der alte Großvater und der Enkel, 1812 in die Sammlung aufgenommen, und Der gläserne Sarg, 1837 erstmals erschienen, stammen aus Büchern der Meusebachschen Bibliothek, die 36000 Bände umfasste und nach dem Tod des Freiherrn vom preußischen Staat aufgekauft und in der königlichen Bibliothek in Berlin aufgestellt wurde. Zudem machte Meusebach die Grimms darauf aufmerksam, dass Der Kluge Knecht, ein Schwank, der 1837 erstmals zu lesen war, auf Auslegung eines Psalms durch Martin Luther zurück geht. Mag sein, dass der Blogger, als er Ende der Achtziger Jahre die Märchenhandschriften der Gebrüder Grimm in der Staatsbibliothek Berlin durchforstete (eine unvergessliche Erinnerung: diese akkuraten Manuskripte, der Geruch des alten Papiers, das Wissen, dass diese Unterlagen zu den ersten literarischen Quellen der weltberühmten Märchenedition gehörten), auch eine Handschrift Meusebachs in der Hand hielt.

[3] Näheres darüber bei Peter Sprengel: Dokumente sanfter Rührung. Karl Hartwig Gregor Freiherr von Meusebach als Leser und Verehrer Jean Pauls, in: Jahrbuch der Deutschen Schiller-Gesellschaft 22 (1978), S. 110-153.

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