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15.12.2013, 12:34 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [303]: Weißt Du eigentlich, wie lieb ich dich hab?

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Es ist der Abend der Vor- und Nachverweise, der Zitate und der Vorahnungen. Auf wenigen Zeilen begegnen gleich zwei Hinweise auf Werke der Weltliteratur. Nämlich so:

Beata beginnt zu schweigen, nachdem Gustav mit seinem Redefluss begonnen hat – beide spüren, dass sie sich so nahe sind, dass „vernünftiges“ Reden kaum möglich ist. Sie sind buchstäblich in Not – in einer Not, die beide nun zwingt, „jetzt einen äußern Gegenstand (wie ein Schwert im fürstlichen Bett) zwischen ihre zusammenfließenden Seelen zu bringen“.

Wie ein Schwert im fürstlichen Bett? Der Leser mag mit dem Kopf schütteln: Was ist denn das wieder für eine Kuriosität? Der Kommentar hilft ihm nicht – aber ich erinnere mich an eine Szene, die jeder Bayreuther kennt (wenn er Götterdämmerung kennt): Hier ist es der bewusstseinslose, erinnerungsvergessene Siegfried, der am Ende des ersten Akts sein Schwert namens Nothung zwischen sich und der (für seinen Blutsbruder, den fürstlichen Gunther Gibichung) gewaltsam überwältigten Brünnhilde legt.

Nun, Nothung, zeuge du,dass ich in Züchten warb:
die Treue wahrend dem Bruder,
trenne mich von seiner Braut!

Wagner hat dieses Detail – die Trennung der Partner durch die Waffe – der isländischen Prosa-Edda entnommen; es begegnet uns auch im Bruchstück eines Sigurdlieds und im Kurzen Sigurdlied, auch in der Völsungasaga. Nun bezieht sich diese Trennung auf die Separation zweier feindlicher Parteien; Jean Paul meint die Trennung zweier legaler, fürstlicher Ehepartner, aber er mag sich erinnert haben, dass die Szene ihren Ursprung in der mittelalterlichen Epik hatte.

Erstaunlicher ist folgende Szene: Gustav und Beata schauen, vor sich selbst befangen, wie besinnungslos auf zwei spielende Kinder und müssen plötzlich Folgendes sehen:

Der Junge sagte: „Mich hat das Fräulein (Beata) so lieb“ und streckte beide Arme auseinander – das Mädchen sagte: „Mich hat der Herr (Gustav) so groß lieb, wie das Schloss“ – „und mich“, replizierte er, „so groß wie den Garten“ – „und mich“, exzipierte das Mädchen, „so groß wie die ganze Welt.“

Woran erinnert diese kindliche Vergleichungs- und Übertreibungssucht? Genau.

Weißt Du eigentlich, wie lieb ich dich hab? ist eines der meistverkauften Kinderbücher der Welt. Wir verdanken es dem Autor Sam McBratney und der Illustratorin Anita Jeram [1]. Wer es noch nicht kennt, erhält auf Wiki folgende Grundinformation:

Guess How Much I Love You is a British children's book written by Sam McBratney and illustrated by Anita Jeram, published in 1994 in the UK by Walker Books and in 1995 in the US by its subsidiary Candlewick Press. The book was a 1996 ALA Notable Children's Book. According to its publishers, in addition to the ALA award and numerous other awards, it has sold more than 20 million copies worldwide and been published in 37 languages.

Und wer den Klappentext studiert, kann über den Autor Folgendes erfahren:

Sam McBratney, geboren 1943, studierte Geschichte und politische Wissenschaft in Dublin und arbeitet heute u. a. als Grundschullehrer. Er verfasste mehr als 50 Bücher für junge Leser.

Das klingt ziemlich öde – Klappentextprosa eben. Klappentextlyrik aber tönt so:

Nach eigenen Aussagen verbrachte Sam McBratney (Jahrgang 1943) seine Kindheit im Nachkriegs-Nordirland in kurzen Hosen und Strickpullis. Er studierte Geschichte sowie Politikwissenschaften in Dublin und wurde später Lehrer. Nachdem er zunächst in seiner Freizeit Kinderbücher verfasste, ließ er sich früh pensionieren, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. Sein 1994 veröffentlichtes 57. (!) Buch Weißt du eigentlich, wie lieb ich dich hab? zählt zu den meistverkauften Bilderbüchern weltweit. Sam McBratney schrieb zudem Radiosendungen für Erwachsene und eine erfolgreiche Sammlung von Kurzgeschichten. Der Vater von drei erwachsenen Kindern lebt mit seiner Ehefrau und einer Schildkröte in Nordirland.

Und seine vielen anderen Bücher? Wir wollen den Autor nicht aufgrund eines einzigen guten Buches loben, aber er scheint – zumindest für uns – eine Art „one-work-composer“[2] zu sein. Dabei hat er Bücher geschrieben, die im Deutschen so heißen: Oje, wo tut's weh, Edgar Bär?; Nerv nicht schon wieder, Jimmy; Ich will euch was erzählen: Die schönsten Geschichten der Welt; Wollen wir wieder Freunde sein?; Nur du und ich.

Und was sagt der Klappentext über die Illustratorin des berühmt-beliebten Buchs? Nicht viel:

Anita Jeram, in Portsmouth geboren und aufgewachsen, erhielt ihre künstlerische Ausbildung in Manchester. Sie lebt mit ihrer Familie in Nordirland.

Man kann sich schlau machen:

Growing up in Portsmouth England, Jeram always enjoyed drawing, but worked a variety of jobs before pursuing a degree course in illustration at Manchester Polytechnic (now Manchester Metropolitan University). Soon after graduation she wrote her first book, Bill's Belly Button, which was published by Walker Books in 1991. Other books she has written include Contrary Mary (1995), Bunny, My Honey (1999), and I Love My Little Storybook (2002). She has also illustrated several books by Dick King-Smith and Amy Hest. In addition to her work on picture books Jeram also publishes greeting cards through Two Bad Mice Publishers Ltd.

Die deutschen Titel von Miss Jeram sind besonders witzig: Mein Schwein lacht und Du bist mein Knuddelhase.

So sehen sie aus: Sam McBratney und Anita Jeram. So mag man sie sich auch vorgestellt haben: sympathisch. Leute eben, die etwas vom Liebhaben verstehen.

Es ist schön, sich anlässlich einer Szene der Unsichtbaren Loge an die beiden Autoren des berühmten, beliebten Buchs zu erinnern – denn auch derart bekannte Werke werden immer noch von Persönlichkeiten, nicht von Konzernen gemacht.

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[1] Hand aufs Herz: Welcher der vielen Besitzer dieses Buchs hätte auf Anhieb sagen können, wer es gemacht hat?

[2] So wie Max Bruch das Violinkonzert, Bizet die Carmen und Robert Schneider Schlafes Bruder schrieb.



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