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09.11.2012, 18:04 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [29]: Falkenberg und Reichenstein

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"Denn der Rhein floß eine halbe Stunde vom Schlosse [Falkenberg]" – doch nicht in der Nähe der Falkenburg.

Ein Einfall: ein herrnhutischer Heuschober geruht den Knaben zu besichtigen. Auf deutsch, wie's der Dichter sagt: ein Grummetschober alter Fräulein hatte vor einem Monat nicht vor-, sondern eingesprochen. Wenn man bedenkt, dass „Grummet“ nicht nur ein Synonym zu „Heu“ an sich ist, sondern den zweiten Grasschnitt meint – der freilich besonders viel Eiweiß besitzt, daher er auch besonders gut ausgetrocknet werden muss –, dann können wir uns diesen Trupp als einen besonders trockenen vorstellen. Jean Paul beschreibt denn auch, das ist köstlich, wie die Herrschaften sich bewegen: nämlich als Compagnie. Selbst beim Teetrinken und Kecksfuttern gehorchen sie einem unsichtbaren Befehl. „Der Fräuleinschober hingegen hieb in alles ein; im Flüssigen und Festen war er wie ein Amphibium zu Hause, sie hatten in ihrem kauenden und klappernden Leben nie etwas gereget als die Zunge.“

Dieser Witz ist gut – aber muss man den folgenden Satz verstehen? „Niemals z. B. fluchten“, schreibt Jean Paul über den Rittmeister, „seine Mienen mehr gegen seine Frau, als wenn sie krank war (und ein einziges schnelles Blutkügelchen stieß sie um) – klagen sollte sie dabei gar nicht – war das, auch nicht seufzen – war auch das, nur keine leidende Miene machen – gehorchte sie, überhaupt gar nicht krank sein.“ Da scheint dem Dichter die Syntax schwer verrutscht zu sein: man begreift den Sinn, aber man wundert sich.

Worum geht’s bei diesen Klagen? Der Knabe ist verschwunden! Die Angst des Vaters, der Schmerz der Mutter; der Dichter spricht, sehr genau, von „forteiternden Schmerzen dieser Stichwunden“.[1] Nebenbei erfahren wir, da man vermutet, der Sohn sei in den Rhein gefallen, dass sich das Schloss eine halbe Stunde vom großen Fluss entfernt befindet. Wenn wir annehmen, dass das Schloss so heißt wie das Geschlecht derer, die drin wohnen, so finden wir tatsächlich eine Falkenburg in der Nähe des Rheins. Eigentlich heißt sie Burg Reichenstein, auch war sie zu Zeiten Jean Pauls noch eine Ruine; erst 1834 wurde der Turm soweit instand gesetzt, dass er als Wohngebäude genutzt werden konnte. Heute prangt sie in jener neugotischen Gestalt, die ihr ein Baron mit dem schönen Namen „Nikolaus von Kirsch-Puricelli“ verpasst hatte.

Wusste der Dichter, dass es eine Falkenburg fünf Kilometer rheinabwärts von Bingen gibt? Interessanter ist die Frage, wieso er die Geschichte im westlichen Deutschland ansiedelt, also Hunderte von Kilometern entfernt von seinem Schreibort. Auch hier waltet ein Exotismus, wie er auch, inmitten der Misere des täglichen Lebens, in der geheimen Sehnsucht des Dichters nach einer adeligen Existenz begegnet.


[1]    Ein Kind ist verschwunden, die Angst wuchert. Man vergleiche Leon de Winters Roman Das Recht auf Rückkehr: auch hier gibt es die analoge, intensiv beschriebene Situation.



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