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19.11.2013, 10:45 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [285]: Über prä- und posterotische Anschaffungen

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Vier Jahrzehnte zuvor hatte der preußische Hofmaler Antoine Pesne die Bayreuther Markgräfin Wilhelmine von Bayreuth mit ihrem Schoßhündchen gemalt: keinem Bologneser, sondern einem Zwergspaniel. Jean Paul selbst sollte den Pudel und den Spitz zu seinen häusliches Wappentieren ernennen. Der andere große Bayreuther schätzte die großen Hunde: insbesondere die Neufundländer.

Spielt die Residentin, als Gustav sie besucht, nachlässig mit der bloßen rechten Hand ein paar Walzer von Chopin? Unwahrscheinlich. Nur weil der Blogger morgens den As-Dur-Walzer op. 34/1 hört, muss die Residentin darauf nicht einsteigen – die Frau, die gerade in Trauer ist, weil wir uns am Sterbetag ihres jüngsten Bruders befinden. Interessanterweise kritisiert der Erzähler nun Gustavs Sym- und Empathie mit der Trauernden: er trauere tatsächlich zu viel mit einem Trauernden: ein Unglücklicher war ihm ein Tugendhafter. Ergo: Gustav hat noch keine Menschenkenntnis, die es ihm erlauben würde – den Rest darf der Leser ergänzen. Es bleibt festzuhalten, dass er am Hof „weder Stoff noch Manier zu erzählen gewonnen“, um die Residentin mit einer spannenden Erzählung zu entzücken. Dass sie auf seine Reportage der unterirdischen Existenz nicht amüsiert reagiert: Wer möchte es ihr verdenken?

Die intime Beziehung zwischen dem unerfahrenen jungen Mann und der welterfahrenen von Bouse entwickelt sich derart, dass Gustav davon überzeugt ist, er könnt' sie heute als seine Freundin ansehen. Könnt', als – was will das sagen? Das Verhältnis changiert, es wabert im vorerotischen Bereich dahin, denn ihn füllt dieses Gefühl, anders: diese Setzung nur halb aus: provoziert auch durch ihr trauriges Gesicht. Jean Paul sagt: ein trauriges Air und Gesicht, dem ähnlich, in dem eine Frau eine Woche nach dem Verlust ihres Geliebten mit leeren Augen und erkalteten Wangen am meisten rührt. Das ist nicht wenig – und hebt die Residentin wiederum ein wenig im Auge des Betrachters. Der jetzige heißt Gustav, er malt ihr Bild, es wird sie mit der kleinen Laura auf dem Schoße zeigen.

Nebenbei erfahren wir, dass auch der Fürst ein Maler ist: ein Tiermaler, denn sonst wurde sie, von ihm, mit einem Hund gemalt: einem Seidenpudel, besser bekannt als Bologneser oder Bologneser Hündchen. Das Tierchen heißt nicht so, weil es an der Hohen Schule zu Bologna studiert hat (wie der Dr. Fenk), sondern weil es aus der schönen Stadt in der östlichen Emilia Romagna stammt. Der Seidenpudel ist der klassische Schoßhund hoher Herrschaften, geradezu ihr häusliches Wappentier – denn wer möchte schon gern einen ausgewachsenen Löwen auf dem Schoß tragen?

Seine Beschreibung in Wikipedia, die das Internetlexikon der Beschreibung verdankt, die die Fédération Cynologique Internationale (Gruppe 9, Sektion 1.1., Standard Nr. 196) publiziert hat, ist köstlich:

Kleiner Gesellschaftshund mit gedrungenem und kompaktem Rumpf. Gewicht 2,5 bis 4 kg, Widerristhöhe 25 bis 30 cm. Die Länge des Rumpfes, gemessen zwischen der Schulterspitze und dem Sitzbeinhöcker, entspricht der Widerristhöhe. Gerade Rückenlinie mit hochangesetzter Rute, die sich fröhlich über dem Rücken krümmt. Seine Bewegung ist frei und energisch, leicht tänzelnd, dabei wird der Kopf edel und vornehm getragen. Das Haar ist vom Kopf bis zur Rute, von der Rückenlinie bis zu den Pfoten am ganzen Körper lang, weich fallend und lockig in reinem Weiß. Der Kopf ist leicht eiförmig, nahezu quadratischer Fang mit schwarzem Nasenschwamm und großen, runden Augen in tiefschwarz mit schwarzen Lidrändern, nicht hervortretend, ausdrucksstark. Die Ohren sind hoch angesetzt, lang und herabhängend. Der Bologneser ist ein Hund von zartem und feinem Körperbau, ein beliebter und anpassungsfähiger Begleit- und Familienhund, sehr unternehmungslustig und gelehrig. Da er nur wenig Auslauf benötigt, ist er auch für eine Stadtwohnung sehr gut geeignet.

Über ihr Wesen steht geschrieben:

Bologneser sind nicht überaktiv oder nervös, dennoch temperamentvoll, von fröhlichem Wesen und immer zum Spiel aufgelegt, daher besonders für Familien mit Kindern geeignet. Sie sind anhänglich und anschmiegsam, aber auch sehr wachsam.

Seidenpudel? Jean Paul nennt den Hund im Leben Fibels „Seidenpudelspitz“, was auf eine Kreuzung von Bologneser und Spitz hinausläuft. Bologneserspitz – eine seltsame, aber mögliche Rasse. Mit Hund, besser: Hündchen (denn es ist kaum mehr vorstellbar, dass auch dieses Tierchen vom Urwolf abstammt) ist's einfach neckischer.



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