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16.11.2013, 15:00 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [282]: Bamberger Nachtrag zur Völkertafel

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Es gab schon vor dem 18. Jahrhundert so etwas wie Völkertafeln. Im Historischen Museum zu Bamberg entdecke ich einen frisch restaurierten, aus fünf Teilen bestehenden Gemäldefries mit nicht weniger als 83 Nationalköpfen: viele Deutsche und Nichtdeutsche. Entstanden ist dieses Kunstwerk wohl Ende des 16. Jahrhunderts; der Kommentar vermerkt, dass dieses bemerkenswerte Kunstwerk im ersten Inventar des Museum, dessen Sammlungsgeschichte man in einer schönen Ausstellung auf dem Domberg reflektiert, Nicolas Juvenel dem Älteren zugeschrieben wurde, bevor man auf die Idee kam, es seinem Sohn Paul Juvenel zuzuschreiben.

Juvenel hat diesen Fries im Auftrag eines „reichen Herren“[1] gemalt: für einen Herren in Nürnberg? Die Juvenels, obwohl niederländischen Geblüts, gehören durchaus zur fränkischen Kunstgeschichte: Nicolas (wie ich ihn zärtlich zu nennen pflege) wurde vor 1540 in Dünkirchen geboren und ging, als Kalvinist, nach Teutschland. Auf Empfehlung Erbprinz Wilhelm, also des nachmaligen Landgrafs Wilhelms IV.) von Hessen-Kassel nach Nürnberg. 1561 erhielt er an der Pegnitz das Bürgerrecht. Was kennen wir von ihm? Bildnisse, genauer gesagt: Patrizierbildnisse. Auch in Augsburg schuf er, im Auftrag der Fugger, einige Porträts. Er starb schließlich 1597 in Nürnberg; vorher restaurierte er noch Hans Süss von Kulmbachs Tucherepitaph in St. Sebald, das den Italienern, auch dem herrlichen Bellini[2], so viel verdankt: die Sacra conversazione.

Joachim von Sandrart[3], vielleicht der bedeutendste Barockmeister Nürnbergs, hat ihm in seiner 1675 publizierten Teutschen Akademie einige Zeilen gewidmet, die folgendermaßen anheben, bevor er eine Art Schnurre erzählt:

Juvenell ist auch aus Niederland nach Nürnberg kommen/ und hat daselbst in der edlen Mahl-und Perspectiv-Kunst sich geübet/ auch auserlesne Werk hinterlassen/ wie in unterschiedlichen Orten gedachter Stadt noch heut zu Tage zur Genüge zu ersehen.

War nun Nicolas oder Paul der Urheber des Gemäldes? Ich vertraue dem ersten Inventareintrag, erwähne aber noch kurz, dass Paul Juvenell (der Ältere) 1579 geboren wurde – wohl zu früh, als dass er als knapp 20jähriger einen derartigen Zyklus hätte malen könne, obwohl es ja sonst auch in der Kunstgeschichte erstaunlich frühreife Talente gibt. Für ihn spricht, dass er in die Schule seines Vaters ging und ein gutes Dutzend Deckengemälde im Kleinen Saal des Nürnberger Rathauses schuf, die die Tugenden und Szenen aus der römischen Geschichte darstellten. Auch er hat Porträts gemalt, vorzugsweise von Kaisern.[4]

Vielleicht zeigt aber schon ein kleiner, freilich sehr oberflächlicher Stilvergleich, dass Nicolas die Bamberger Gemälde produziert hat:

Dies könnte derselbe Maler gemalt haben: die lesende Frau, wohl eine Maria Magdalena in der Einöde, und die Bamberger Köpfe.

Nein, „richtige“ Völkerdarstellungen sind dies nicht, oder anders: je mehr sich der Maler von seinen Motiven entfernte, desto unähnlicher wurden die Typen. Er dürfte Vorlagen benutzt haben, Kupferstiche oder Holzschnitte; Niederländer oder Kölner, vielleicht auch einen Venezianer oder Engelländer, kannte er sicher aus eigener Anschauung, doch bei der Affricanerin hörte es definitiv auf. Das Afrika dieser Frau ist schon sehr innerlich...

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[1] Hugo von Hofmanntshal: Ariadne auf Naxos. Vgl. Moliére: Der Bürger als Edelmann.

[2] Eines der absoluten venezianischen Lieblingsgemälde des Bloggers – aber ich will nicht abschweifen.

[3] Auch er würde einen Einschub verdienen, aber der Blogger muss sich auch dies verkneifen, weil er sonst nie an das Ende des Ende des Romans kommen würde.

[4] „In dem großen viereckigen Mittelbilde stellt er einen Kaiser, umgeben von allen Tugenden, in den beiden ovalen Seitenbildern und in den zehn kleinen oblongen Bildern Scenen aus der römischen Geschichte dar, welche geeignet schienen, die Bürger zur Tugend anzuregen. Leider sind diese Bilder durch Alter und Staub so dunkel geworden, dass sie fast unkenntlich sind und kein Urtheil über ihren Kunstwerth gestatten. Auch decorirte er die Façaden verschiedener Wohnhäuser seiner Vaterstadt mit figürlichen Malereien. Leider ist davon nichts andereres mehr erhalten, als der skizzirte Entwurf zu einer solchen Malerei im Besitz des Unterzeichneten“, schrieb der Nürnberger Kunsthistoriker Rudolf Bergau 1881 in der ADB.



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