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14.11.2013, 12:07 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [280]: Bamberger Exkursrückkehr-Appendix

Kunz, Schrag, Cotta – ohne die Verleger, sagt' ich, gäb's keine Autoren, auch keine Leser. Stimmt nicht ganz: ohne die Buchdrucker gäbe es keine Autoren und keine Verleger und keine Leser. Zumindest nur die Autoren und Leser von Manuskripten.

In Bamberg lebte einmal ein Buchdrucker namens F. Zoepfl. F. – das dürfte für Friedrich stehen; sein Name blieb unvergessen, zumindest für die, die das Haus am Kanal kennen, das sich in der Nähe des Schlosses Geyerswörth befindet. Nennen wir es: das Zoepfl-Haus. Schon im 19. Jahrhundert wurde es ins Bild gebannt:

Noch zu Lebzeiten Jean Pauls hat es Samuel Prout herausgegeben, nein: gezeichnet. Erstmals publiziert wurde es vielleicht schon ein Jahr nach Jean Pauls Tod, innerhalb der zwölfteiligen Serie Views in Germany (bei J. Dickinson). Stand der Zeichner aber auch später an der Steindruckmaschine? Leitete er die lithographische Offizin, in der das Blatt 1833 gedruckt wurde? Er, der Künstler, den John Jackson vor 1831 gemalt hat?

Bei der Graphik handelt es sich, genau genommen, um eine Lithographie auf aufgewalztem China, die nach einer Zeichnung von Samuel Prout hergestellt und innerhalb der Serie Facsimiles of Sketches made in Flanders and Germany 1833 in London, bei Charles Hullmandel herauskam. Bei diesem Herren hilft uns nun Wiki weiter:

Charles Joseph Hullmandel (1789-1850) was one of the most important figures in the development of British lithography in the first half of the 19th century, and his name appears on the imprints of thousands of lithographic prints. He developed a method for reproducing gradations in tones and for creating the effect of soft colour washes, which enabled the printed reproduction of Romantic landscape paintings of the type made popular in England by J. M. W. Turner. Hullmandel's essay The Art of Drawing on Stone (1824) was an important handbook of lithography.

Also frei nach Wagner: Verachtet mir die Drucker nicht! Und nicht die Lithographen, die erst dafür sorgen, dass Ansichten wie die des Samuel Prout derart populär werden, dass sie noch unser Bild vom „romantischen Bamberg“ prägen; auch heute noch werden ja derartige Ansichten gezeichnet, gedruckt, vervielfältigt.[1]

Prout hat damals nicht nur das Zoepfl-Haus, sondern auch die Alte Hofhaltung verewigt, aber wer war der Mann?

Geboren wurde er in Plymouth, also in der Grafschaft Devonshire. Mit 20 Jahren ging er 1803, während Jean Paul noch in Coburg lebte, nach London. 1818, als Jean Paul nach Heidelberg reiste, begann er durch das europäische Festland zu touren und im Bilde festzuhalten: Deutschland, der Rhein, Italien, Frankreich, die Schweiz und die Niederlande. 1829 ernannte ihn König George IV. zum königlichen Aquarellmaler, 1852 starb er in London und hinterließ Blätter, die heute sehr hoch gehandelt werden. „Charakteristisch für Prouts Aquarelle“, lese ich, „ist ein trotz großem Detailreichtum sehr weicher Malstil mit subtiler Beleuchtung“. Oder genauer: „His eye caught the picturesque features of the architecture, and his hand recorded them with skill. The composition of his drawings was exquisitely natural; their colour exhibited the truest and happiest association in sun and shade; the picturesque remnants of ancient architecture were rendered with the happiest breadth and largeness, with the heartiest perception and enjoyment of their time-worn ruggedness; and the solemnity of great cathedrals was brought out with striking effect“. Das eingelegte Zitat stammt vom großen John Ruskin[2], der es 1849 in A memoir of Prout im Art Journal veröffentlichte.

Es wäre übrigens interessant, die composition of his drawings mit den etwa gleichzeitig entstandenen Ansichten des Jean-Paul-Liebhabers Mendelssohn Bartholdy zu vergleichen, der ja mehrmals nach England, auch nach Schottland reiste und hier komponierte und sehr schön zeichnete – aber das überlasse ich besser den Kennern, die eine Lithographie von einem Kupferstich unterscheiden können …

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[1] Der Zufall will es, dass der Blogger, der zugleich das neue Bayreuther Jean-Paul-Museum konzipierte, dank eines ausgewiesenen Graphikkenners immer noch mit Nacharbeiten beschäftigt ist, die eben diesen Unterschied zwischen Zeichner und Drucker bzw. Stecher in den präzisen Blick nehmen. Demnächst wird, hofft er, auch auf dieser drucktechnischen und künstlerischen Ebene jede der OBs (das heißt nicht „Oberbürgermeister“ (pl.), sondern „Objektbeschriftungen“) völlig korrekt sein. NB: Seit gestern weiß der Museumsnach(t)arbeiter z.B., dass der bislang halbanonyme Herr mit dem Allerweltsnamen Müller, der das eher unauffällige Blatt nach Friedrich Meier stach, vermutlich einer der Stuttgarter Kupferstich-Müllers war. Wenn man dies vermutungsweise annimmt, könnte man das Blatt vielleicht sogar mit Jean Pauls Stuttgart-Besuch in Zusammenhang bringen. Wer will das wissen, mag der Laie einwenden? Nicht viele – aber wenn man es weiß, wird das Blatt plötzlich wirklich interessant. Es ist alles eine Frage der Aura. Kennt man die Herkunft nicht, gibt es auch keine Aura – zumindest ist sie wesentlich kleiner. Wie Goethe mal gesagt hat: Man sieht nur, was man weiß. Ich würde die Formel ergänzen: Man spürt nur, was man weiß.

[2] The stones of Venice! Pflichtlektüre für alle amici di Venezia.



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