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13.11.2013, 17:49 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [279]: Die Bouse und Catos Tod

Gut zweieinhalb Druckseiten (und es steht sehr viel auf so einer Seite) widmet sich der Erzähler nun dem bouseschen Zusammenhang von Ohnmacht und Tugend. Zweieinhalb Seiten! Nein, man muss sich nicht wundern, noch immer ist der Satiriker am Werk, der die Gleichnisse bis ins Letzte auspresst. Ja, der Leser möchte nun endlich erfahren, wie es mit der schönen, von der Kunst veredelten Frau und dem jungen Mann weitergeht, er ist gleichsam scharf auf den erotischen Progress der Fabel, erfährt aber vorderhand nur, wie es mit dem erotischen Sterben der Dame aussieht. Ach ach... aber es ist zu schön, dieses Herumwühlen im Kardinalpunkt.

Die Tugend also war bei der Ministerin so verdammt schlimm daran wie bei einem Kind die junge Lieblingkatze.

Ehre und Tugend waren bei ihr keine leeren Wörter, sondern hießen (ganz gegen die Kantische Schule) der Zeit-Zwischenraum zwischen ihrem Nein und ihrem Ja, oft bloß der Ort-Zwischenraum.

So macht es ihr Körper und ihre Tugend ebenso listig, beide sterben allezeit miteinander, um nachher miteinander wieder zu leben.

Das artistische Sterben solcher Damen lässet sich noch von einer andern Seite anschauen: eine solche Frau kann über die Stärke und die Proben ihrer Tugend eine Freude haben, die bis zur Ohnmacht gehen kann; ferner über die Leiden und Niederlagen derselben eine Betrübnis, die auch bis zur Ohnmacht reichen kann: nun denke man sich, ob eine Frau beim vereinigten Anfall von zwei Gemütbewegungen, wovon jede allein schon töten kann, noch aufrecht zu verbleiben vermöge.

Es ist eine wohltätige Anordnung der Natur, dass gerade in den höhern Damen die Tugend eine solche achilleische Lebens- oder Wiedererzeugkraft hat, damit sie erstlich leichter die einfachen und doppelten Brüche, Knochensplitterungen und Gliederabnehmungen und überhaupt das Schlachtfeld jenes Standes ausdauere – zweitens damit jene Damen (im Vertrauen auf die Unsterblichkeit und lange Lebenslinie ihrer Tugend) ihren Freuden, deren physische Grenzen ohnehin so enge sind, wenigstens keine moralischen zu setzen brauchen.

 

So entwickelt der Dichter geradezu eine Philosophie der Ohnmacht, ja eine Kritik der reinen – oder eher: unreinen – Ohnmacht. Nichts Antikes ist ihm fremd, wie Seneca d. J. gesagt hätte, denn Cato ist nicht fern, da er Senekas Ausspruch über Kato auf die Ministerin (nicht) bezieht: majori animo repetitur mors quam initur. Was heisst: „Mit höherem Mute wird der Tod wiederholt.“ Tod, welcher Tod? Ein Tod mit Stachel?

Jean Paul zitiert hier (ja, tatsächlich:) Seneca, aber im Original – dem zweiten Buch der Dialoge, Kap. 2, Absatz 12, lautet der Passus folgendermaßen:

Inder crediderim fuisse parum certum et efficax vulnus: non fuit dis inmortalibus satis spectare Catonem semel; retenta ac revocata virtus est ut in difficiliore parte se ostenderet; non enim tam magno animo mors initur quam repetitur. Quidni libenter spectarent alumnum suum tam claro ac memorabili exitu evadentem? mors illos consecrat quorum exitum et qui timent laudant.

 

So schlimm ist es denn doch nicht, denn die Ohnmacht der Bouse ist reversibel, während Cato, der sich im Kampf gegen Caesar opferte, nachdem er Platons Dialog über die Unsterblichkeit der Seele, also den Phaidon zur Hand genommen hatte, sich in Utica[1] definitiv das Leben nahm. Sicher kannte Jean Paul Gottscheds Drama über diesen spektakulären Tod: wie der Held sich quasi zweimal entleibte.

Die Bouse aber hat sich, sozusagen, so oft beleibt, dass von klassischer Tugend schlechterdings nicht mehr die Rede sein kann.

 

So stirbt ein echter Tugendheld. Guillaume Guillon Lethière, ein Maler der Jean-Paul-Zeit, hat Catos Tod in Utica 1795 ins Bild gesetzt.[2]

Geboren im Jahre 1760, gehört Lethière zu den französischen Neoklassizisten im Windschatten Jacques-Louis Davids. Im ersten Jahr der Entstehung der Unsichtbaren Loge kehrte er von einem langjährigen Rom-Aufenthalt nach Paris zurück. 1807 bis 1816 – da lebte Jean Paul schon in Bayreuth – amtierte er als Direktor der Académie de France à Rome, seit 1819 als Dozent an der Pariser École des Beaux-Arts. Er überlebte Jean Paul um sieben Jahre; mag sein, dass der Dichter Reproduktionen seiner Gemälde zu Gesicht bekommen hat.

1799 malte Lethière diese junge Dame der mittleren Jean-Paul-Zeit – ein Porträt, das fast alle Klassizismen des Malers entschuldigt und vergessen lässt.

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[1] Endlich einmal eine Gelegenheit, nach dem Ort dieses Utica zu fragen! Die Stadt lag an der Küste Tunesiens, also hoch oben im Norden des Landes. Wer will, kann heute noch einige schöne Ruinen besichtigen.

[2] Im selben Jahr entstanden übrigens die Drei Sängerinnen der Angelica Kauffmann. Der Blogger bekennt, dass er die drei fröhlichen Damen dem einen verzweifelten Herren vorziehen würde.



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