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22.10.2012, 17:05 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [22]: Über Aphorismen und Sentenzen

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Die unbekannte Tote aus der Seine, die um 1900 ob ihres eigenartigen Lächelns unter Literaten und Künstlern berühmt wurde. Rilke etwa schrieb in den "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge": "Der Mouleur, an dem ich jeden Tag vorüberkomme, hat zwei Masken neben seiner Tür ausgehängt. Das Gesicht der jungen Ertränkten, das man in der Morgue abnahm, weil es schön war, weil es lächelte, weil es so täuschend lächelte, als es wüßte."

Es ist immer wieder schön, in einem Roman von Jean Paul Sätze zu entdecken, denen man sonst nur in Aphorismensammlungen begegnet. Es ist schön, weil man endlich den Kontext begreift und die Sätze, die zu Schlagworten wurden, ihrer tendenziellen Banalität entkleiden kann, die ihnen durch das Herausbrechen aus dem großen Ganzen verpasst wurde. Einer dieser Sätze lautet: „Ohne Lächeln kommt der Mensch, ohne Lächeln geht er, drei fliegende Minuten lang war er froh.“

Man ist ja schon froh, wenn die Sätze richtig zitiert werden und nicht, wie im Falle des berüchtigten Paradieserinnerungsspruchs, in der Regel korrumpiert und gekürzt auf uns kommen.

Der Zusammenhang aber ist Folgender: Nun kommt Gustav, das Kind Ernestines und des Rittmeisters von Falkenberg, ins Spiel. Der Autor erwähnt seine Geburt und weiß bereits, wie das Leben seines Helden verlaufen wird; dass er es am Ende doch nicht wusste, verrät die Entschuldigung, die er 1822 dem Fragment voranstellte. 1791 aber schreibt Jean Paul noch Folgendes: „Ich weiß dein ganzes Leben voraus, darum beweget mich die klagende Stimme deiner ersten Minute so sehr; ich sehe an so manchen Jahren deines Lebens Tränentropfen stehen, darum erbarmet mich dein Auge so sehr, das noch trocken ist, weil dich bloß dein Körper schmerzet – ohne Lächeln kommt der Mensch, ohne Lächeln geht er, drei fliegende Minuten lang war er froh.“

Hand aufs Herz: stimmt das wirklich? Der Mensch kommt meist schreiend auf die Welt, das ist richtig. Dass er ohne Lächeln geht, kann im Einzelfall widerlegt werden. Dass er drei Minuten lang froh war, ist eine poetische Übertreibung, die man dem Autor schon deshalb nicht durchgehen lassen sollte, weil er so viel Kluges geschrieben hat. Ergo: die Sentenz ist sinnlos – aber lesen wir sie im Zusammenhang eines Romans, der die Geschichte eines Mannes beschreibt, den man fern von der Welt in einem unterirdischen Gelass aufzieht, bekommt sie einen Sinn – als müsste das moralisch vorbildliche Leben des Helden, das „dort unten“ angelegt werden soll, gegen die Erfahrungen missglückter Existenzen verteidigt werden.

Aber was ist das für ein Leben dort unten? Ist es nicht schrecklich, in einem Keller aufzuwachsen, über den Gräbern dreier toter Mönche, weil die herrnhutisch infizierte Mutter die Idee hat, „das erste Kind acht Jahre unter der Erde zu erziehen und zu verbergen, um dasselbe nicht gegen die Schönheiten der Natur und die Verzerrungen der Menschen zugleich abzuhärten“? Was für eine problematische Aura muss dort unten herrschen – völlig unabhängig vom Präzeptor, einen jungen Mann aus Barby[1] den der Erzähler nur als „Genius“ bezeichnet? Einen „Engel“ (also eine Gestalt der Anderswelt), der „gut“ ist. Leider lässt uns der Autor noch mit konkreten Informationen betreffs des Gutseins im Stich, doch halt: „Er befahl nicht, sondern gewöhnte und erzählte bloß. Er widersprach weder sich noch dem Kinde.“ Aus Sicht der Reformpädagogik... aber lassen wir das. Versuchen wir zunächst dem Roman gerecht zu werden, indem wir ihn und seine Figuren ernst nehmen.

Außerdem können wir wieder ein neues Wort lernen: „überschnellen“. „Der Rittmeister konnte wie alle kraftvolle Leute das herrnhutische Diminuendo nicht ausstehen; am meisten redete er darüber, dass sie so wenig redeten; sogar das war nicht nach seinem Sinne, dass die herrnhutischen Wirte ihn nicht sowohl überschnellten als zu sehr überschnellten.“ Ein schöner Ausdruck für „schneller sein als ein anderer“, und wir ahnen ja, dass der Rittmeister, obwohl er gar nicht schlecht Schach spielt (das man langsam zu ziehen vermag), vielleicht nicht der schnellste ist. Für die vitesse hat er ja seinen Freunde, den Dr. Fenk.


[1] Barby liegt nicht in Frankreich, wie man vermuten könnte, sondern im Salzlandkreis des heutigen Sachsen-Anhalt – wo im 18. Jahrhundert eine Herrnhutische Brüdergemeine saß.



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