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30.10.2013, 12:57 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [266]: Der Blogger denkt über Kombinationen und Übergaben nach

Nein, der Blogger will hier nicht die Geschichte des Aderlasses erzählen – nur darauf hinweisen, dass Jean Pauls Methode auch darin besteht, Ästhetisches mit eher Unästhetischem zu koppeln. Es geht um die Romantik und das Singen – und um den Aderlass, denn wir haben ja gelesen, dass „Jean Paul“ sich vorstellt, wie er ihre matte Hand an den Aderlaßstock mit meiner anschließen, indes sie, um nicht den Blutbogen über dem Schnee-Arm zu erblicken, mir in einem fort erblassend in das Auge schauet . Außerdem würde er sich mehre Wunden holen und weitere als das Aderlassmännchen im Kalender – schließlich geht es nicht allein um den wogenden Dunen-Busen.

Im Dr. Katzenberger wird Jean Paul einmal ähnlich kontrastiv schreiben: er lässt den Doktor während des (angenehmen) Essens über die (Ekel erregende) Speichelbildung philosophieren.

Zwei Aderlassmännchen, wie sie im mittelalterlichen Buch der Natur stehen

Der Blogger erinnert sich, wie er auf einer unvergesslichen Exkursion des Fachbereichs Ältere Deutsche Philologie im Winter 1987/88 durch einige bedeutende Bibliotheken Deutschlands und Österreichs geschleppt wurde und dort – in Kärnten, in der Benediktinerabtei St. Paul im Lavanttal – Freundschaft schloss mit einem Aderlassmännchen, wohl aus dem Buch der Natur des Konrad von Megenberg[1]. St. Paul besitzt nicht irgendeine Klosterbibliothek, sondern nach der Österreichischen Nationalbibliothek (wo ein Faktotum das Heldenbuch Kaiser Maximilians mit Samthandschuhen, aber brutalem Seitenrandscharren am schrägen Buchaufsteller umblätterte, dass wir mehrmals unwillkürlich zusammenzuckten; wir dummen Berliner Studenten durften das nicht) die größte Sammlung historischer Bücher auf Austrias Kulturboden. 4000 Handschriften, beginnend im 5. Jahrhundert, 70.000 Bücher: das macht eine hübsche Kollektion, die wir damals studieren und in Einzelstücken bearbeiten durften. Ich sehe mich noch im kalten, kleinen Lesezimmer sitzen, der rotnasige Pater – ich nannte ihn später respektlos „Pater Pulle“ – erfreute uns nach der Arbeit mit einem unvergesslichen Obstler.

Es war übrigens der knochige Kaiser Franz, der – rund drei Jahrzehnte, nachdem unter Joseph II. das Stift aufgehoben worden war – es an Mönche aus dem aufgelösten Schwarzwald-Stift St. Blasien übergab. Ein Gemälde von Johann Baptist Höchle[2] zeigt den Akt – und, ganz nebenbei, den kaiserlichen Regentendaumen. 1809 lebte Jean Paul nun schon fünf Jahre in der nicht ganz einfachen Stadt Bayreuth; an die Zeit, da er noch jung und ein eminent fleißiger Satirenschreiber war, mochte er sich mit Rührung erinnern; auch er hatte, mit der Unsichtbaren Loge, eine Reform durchlaufen, deren Wehen auf fast jeder Seite des Romans spürbar ist.

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[1] Womit wir wieder tief drin sind in der fränkischen Kultur-, Medizin- und Literaturgeschichte – denn Herr von Mebenberg wurde 1309 in Mäbenberg geboren, das bekanntlich bei Georgensgmünd (für Reisende der Deutschen Bahn: 26 Minuten vom Hauptbahnhof Nürnberg entfernt) liegt, also im heutigen mittelfränkischen Landkreis Roth. Er ging zwar nach Erfurt und Wien, zog aber – da war er 33 Jahre alt – nach Regensburg, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1374 als Domherr amtierte – und wohin Jean Paul 450 Jahre später hinreiste.

[2] Ein Schweizer, der in München und Wien zuhause war. Er war ein Meister der Übergabe-Bilder: 1813/14 malte er, als Jean Paul, der Napoleon zunächst favorisiert hatte, bevor er auf die Seite der Alliierten umschwenkte, gerade die Folgen des Krieges und der Neuordnung Europas bedachte, die Übergabe der Erzherzogin Marie Louise an Marschall Berthier in Braunau. Berthier malte ein anachronistisches Bild, denn 1814 war der Korse, der die Österreicherin vor einigen Jahren geheiratet hatte (die Politik, nicht die Liebe!) längst entmachtet.



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