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29.10.2013, 12:08 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [265]: Der Musik und der Liebe Wellen schlagen hoch

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Angelika Kauffmann malte 1795 diese drei romantischen Sängerinnen. 1790 entstand das Porträt der später in der Exzentrik untergetauchten Juliane von Krüdener (s.u.), die mit Jean Paul sehr bekannt war.

Der Musik und der Liebe Wellen – sie scheinen eins zu sein. In einer langen, langen Periode – Giuseppe Verdi sprach anlässlich der Melodien des verehrten Bellini von den „sehr langen Melodien“ des Meisters –, die uns davon überzeugt, dass es keinen Autor, zumindest keinen Autor dieser Zeit gibt, der ein derartig musikalisches Verhältnis, ja Liebesverhältnis zur Sprache, ihrem Rhythmus und ihrer Melodie hat – erzählt uns der Dichter von den Gefühlen, die ihn, „Jean Paul“ überschwemmen würden, würde er Musik hören: Musik aus der Kehle einer schönen Frau, denn

wahrhaftig tausendmal lieber will ich (ich weiß recht gut, was ich wage) mit der Schönsten im Fürstentum Scheerau ganz durch letztes fahren und sie nicht nur in, sondern auch (was weit schädlicher ist) aus dem Wagen heben; – noch mehr: lieber will ich ihr das Beste, was wir aus dem poetischen und romantischen Fache haben, gerührt vorlesen – ja lieber will ich mich mit ihr aus einem Redoutensaale in den andern tanzen und sie, wenn wir sitzen, fragen, ob sie heiter ist – und endlich (stärker kann ichs nicht ausdrücken) lieber will ich den Doktorhut auftun und ihre matte Hand an den Aderlaßstock mit meiner anschließen, indes sie, um nicht den Blutbogen über dem Schnee-Arm zu erblicken, mir in einem fort erblassend in das Auge schauet – – lieber, versprech' ich, will ich (Wunden hol' ich mir freilich mehre und weitere als das Aderlaßmännchen im Kalender) alles das tun, als die Schönste singen hören; dann wär' ich leck und weg; wer wollte mir helfen, wer wollte meine Notschüsse hören, wenn sie in der ruhigsten Stellung den rechten Schnee-Arm weich über irgend etwas Schwarzes hinschneiete, die Knospe der Rosen-Lippen halb voneinander schlösse, die tauenden Augen auf ihre – Gedanken senkte und darein verhüllete, wenn der weiche Dunen-Busen wogend wie ein weißes Rosenblatt auf den Atem-Wellen läge und mit ihnen auf- und niederflösse, wenn ihre Seele, sonst in den dreifachen Überzug der Worte, des Körpers und der Kleider geschlagen, sich aus allen Hüllen wände und in die Wellen der Töne stiege und im Meer des Sehnens untersänke....? Ich spräng' nach. – – –

Des Meeres und der sogenannten Liebe und der Musik Wellen, gebannt im Zeichen einer „Romantik“, die sich schon nicht mehr ganz ernst nimmt, aber gleichzeitig so bei sich und ihren erotischen Gefühlen ist, dass das poetische Gebilde unversehens zu singen beginnt. Der Busen hebt sich, die Musik fliegt in den Raum – und erreicht das Herz und Wasweißich des glücklichen Mannes. - - -

… wenn der weiche Dunen-Busen wogend wie ein weißes Rosenblatt auf den Atem-Wellen läge und mit ihnen auf- und niederflösse ...

Postskript zur sog. „Romantik“

Seltsam: Jean Paul schreibt diesen Begriff schon 1791/92 so selbstverständlich hin, dass wir fast vergessen, dass die Werke der „Romantiker“, die wir in der Universität kennen lernten, sämtlich später entstanden: der Heinrich von Ofterdingen, Schlegels Lucinde, Tiecks wundersamer Sternbald. Dass „die romantische Poesie eine progressive Universalpoesie“ sei, wie es in Friedrich Schlegels berühmter Definition heißt, ist eine Theorie der späten 90er Jahre. Wir kommen der Sache näher, wenn wir eine der wichtigsten Quellen der deutschen Romantik betrachten: die deutsche Übersetzung von Edward Youngs Night thoughts. Youngs Werk entstand schon in den 40er Jahren, 1771 kommt, übersetzt von Johann Arnold Ebert, eine deutsche Übersetzung heraus: Klagen, oder Nachtgedanken über Leben, Tod, und Unsterblichkeit. Jean Paul kannte das Werk. Wenn man die Friedhofsszenen des Siebenkäs, der Mitte der 90er Jahre entstand, sich vergegenwärtigt, hat man vielleicht einen Widerschein dieser nächtlichen Meditationen an der Hand. Wenn Jean Paul 1791/92 diesen Begriff in die Debatte wirft, kann er sich also auf eine ältere Tradition berufen, die aufs abseitig Nächtliche geht.

Er kann allerdings, da es hier um Musik geht, noch weitere Gebiete erschließen. „Romantik“ bezieht sich, spätestens in E. T. A. Hoffmanns Musiktheorie, die er 20 Jahre später zu entwerfen beginnt, auch auf die Werke eines Gluck und Mozart. Man vergegenwärtige sich die Situation, dass der Don Giovanni, der – nicht völlig zu Unrecht - vom genialen Dichtermusiker als romantische Oper par exellence betrachtet wird, zu Zeiten der Unsichtbaren Loge noch ein Werk der Gegenwart ist. Glucks Zauberoper Armide war 1777 herausgekommen, seine Iphigénie en Tauride hatte 1781 ihre deutsche Erstaufführung erlebt. Ohne den Begriff für die musikalische Romantik, die um 1750 beginnt, expressis verbis verwendet zu sehen, darf der Leser 1791/92 an die Werke der musikalischen „Vor- oder Frühromantiker“ denken – zumal dann, wenn es um den Gesang geht.[2] Erst 1788 war Carl Philipp Emanuel Bach gestorben, der vielleicht wichtigste Exponent der musikalischen Empfindsamkeit, deren Gefühlsvaleurs so viel mit der „Romantik“ zu tun haben.

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[1]

[2] Hierüber informieren natürlich Miller und Dahlhaus.



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