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22.10.2013, 11:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [259]: Der Blogger blickt zurück

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Und endlich fleißig weitergeschritten in der Interpretation des sog. Eigentlichen – das sich bei Jean Paul auch in den 1.000.000 Uneigentlichkeiten verbirgt. Die Bouse fordert Gustav auf, sich selbst zu malen – etwa in jenem Augenblick, in dem er bei ihr jenen Spazierfächer erblickt, in dem er Beatas Fächer entdeckt. Sie macht das, nachdem sie zusammen durch die diversen Zimmer ihrer Wohnung gegangen sind, und nun – im Zurücklesen bleibe ich wieder hängen, ich bleibe sozusagen an der Bouse hängen wie Gustav an ihrem Anblick – und nun hält Jean Paul für mich, der ich zurückgehe, Folgendes Schönes fest:

Wenn sie ging: konnte man selber kaum gehen; weil man stehen wollte, um ihr nachzusehen.

Kein Wunder, dass man – bei der Lektüre – nicht „weiterkommt“… Im Schauen eröffnet sich, manchmal, wenn man Glück hat, die Welt. Young Gustav beginnt gerade, diese Seite der Welt zu erkunden: diese schöne Schauseite, die vor ihm herläuft, die er mit seinem Blick festzuhalten versucht. Er zeichnet, er sollte die Bouse zeichnen, so wie Watteau, dieses Genie der Empfindsamkeit, eine Generation zuvor immer wieder Frauen gezeichnet hat: die Modelle für seine Gemälde, die er, mit Liebe und Takt und Zärtlichkeit, in eine gewisse Ewigkeit gerissen hat. Dass man Frauen „nachstarrt“ – es ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Jean Paul hält dieses „Nachstarren“, in dem sich der Zauber der Anderen und die eigene Bezauberung durchaus unschuldig erweisen, in einer knappen Formulierung fest. Er setzt im Leser, wohl auch in der Leserin, ein Feuerwerk an Erinnerungen frei, die nicht allein kunstgeschichtlich motiviert sind.

Das ist, denkt der Blogger, das Leben.



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