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17.10.2013, 11:34 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [254]: Ein Klavier, die Frauen und Büchner

Erinnert sich noch jemand an Laura? Die „Lobenswerte“? Unversehens taucht sie, die Tochter der Residentin, wieder auf. Wir sehen sie – schließlich hatten wir es ja gerade mit Kielflügeln zu tun – als „Elevin“ am Silbermannischen Klavier sitzen.

Nein, ich werde jetzt keinen Vortrag über Silbermann, seine Klaviere und seine Orgeln schreiben, ich werde mich lieber um die Dame kümmern, die den Eleven umcirct. Die Venus – meinethalben in junonischer Gestalt, worunter ich mir eine Dame mit einem gewissen embonpoint vorstelle, wogegen nichts zu sagen wäre – bittet ihn um nichts weniger als um „eine Abzeichnung des ganzen Parks für ihren Bruder in Sachsen“ – und Gustav macht's. Er macht's sogar schnell, obwohl oder weil's eher ein Ukas als eine Bitte ist. Der Dichter meint, dass das eine wie das Andere daherkäme. Was wie ein typisches satirisches Vorurteil daher kommt, hat aber doch den Schein einer tieferen Wahrheit: „Du, Schatzi...“

Der junge Mann hat ja keine Ahnung! Man kann es ihm nicht verdenken, frau kann es (aus)nutzen, dass er „wenig Welt“ hat, woher soll sie auch kommen? Jean Pauls Welt – als er in Gustavs Alter sich befand – war übrigens eine: eine, die sich aus einem starken Ego (das hat Gustav nicht, so dass er in diesem Sinne kein alter ego seines Erfinders ist) und aus der Literatur und aus den Erfahrungen einer immerhin äußerlich kleinen Welt zusammensetzte. Was „Welt“ für einen jungen Mann, der in einer unwirtlichen Gegend des südlichen Vogtlandes und des nördlichen Markgrafentums Bayreuth aufwächst, ist, hat er später in seiner Selberlebensbeschreibung breit erläutert: so dass der Leser den Eindruck haben muss, dass „Welt“ etwas sehr Relatives ist. Mit anderen Worten: „Provinz“ ist schon ein problematischer Begriff; man weiß es nicht erst, seit Thomas Mann das Buddenbrooksche Lübeck erfand.

Schluss mit den Plattitüden, weiter im konkreten Text:

Eine Frau trage dir nur einmal ein Geschäft auf: so bist du mit Leib und Seele ihr […] Eine retten – rächen – lehren – schützen ist fast nicht viel besser (bloß ein wenig) als sie schon lieben.

Stimmt das? Spricht da ein Autor, der in seiner „Erotischen Akademie“ nur intellektuellen Liebschaften frönt – oder hat er einen Zusammenhang erkannt, der auf unser Unbewusstes, auf die Einschränkungen unseres sog. Freien Willens und auf unsere Schwächen verweist?

Ich bitte um statistisch verwertbare Antworten.

Oder, wie es beim inkommensurablen Georg Büchner, dem ewig Jungen, heute exakt 200jährigen heißt:

ROSETTA. Du liebst mich, Leonce?

LEONCE. Ei warum nicht?

ROSETTA. Und immer?

LEONCE. Das ist ein langes Wort: immer! Wenn ich dich nun noch fünftausend Jahre und sieben Monate liebe, ist's genug? Es ist zwar viel weniger als immer, ist aber doch eine erkleckliche Zeit, und wir können uns Zeit nehmen, uns zu lieben.

ROSETTA. Oder die Zeit kann uns das Lieben nehmen.

LEONCE. Oder das Lieben uns die Zeit.

Nur nebenbei, und ganz am Ende: eine Einschätzung Wolfram Schüttes.

Georg Büchner, die gesellschaftskritischste Stimme der deutschen Literatur – sozusagen unser Karl Marx der Belletristik – ist ohne Jean Pauls Vorarbeiten nicht denkbar. Das tieftraurige Märchen aus dem Woyzeck scheint von der „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“ & die duodezfürstenhafte Welt der Komödie Leonce und Lena von dem Blick des Luftschiffers Giannozzo auf Deutschland imprägniert worden zu sein.



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