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15.10.2013, 12:33 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [252]: Übers Ein- und Ausschiffen

Dieser Traumflor muss über ihm gelegen haben, da er einmal statt des Schlangenbachs im Abendtal, den er zeichnen wollte, die schöne Statue der Venus, die aus diesen Wellen gezogen schien, abgerissen hatte; und zweitens, da er nicht sah, wer ihn sah – die Residentin. Er kam ihr vor wie ein schönes Kind, das fünf Fuß hoch gewachsen ist; er konnte mit allen seinen innern Vorzügen noch nicht imponieren, weil auf seinem Gesicht noch zu viel Wohlwollen und zu wenig Welt geschrieben war. Mit jener scherzhaften Koketten-Freimütigkeit, die die erstgeborne Tochter der Koketten-Geringschätzung des männlichen Geschlechts ist, sagte sie: „ich geb' Ihnen für die Zeichnung das Original“ und nahm die erste und besah sie mit schöner (über etwas anders) denkenden Bewunderung. Oefel, dem ers erzählte, schalt ihn, dass er nicht fein gesagt hatte: „Welches Original?“ Denn er hatte zur lebendigen Venus nichts gesagt.

Watteau hat sie gemalt und verewigt: in seinem berühmtesten wie rätselhaftesten Bild: der Pèlerinage à l’île de Cythère. Die schönste und größte Fassung befindet sich seit den Zeiten Friedrichs II. im Schloss Charlottenburg[1] diese dritte, letzte Fassung zeigt Venus in ihrer schönsten Façon: Putten umwinden die sonderbar lebendig dargestellte Göttin der Liebe mit Girlanden. Ein rätselhaftes Bild? Der deutsche Titel lautet seltsamerweise Einschiffung nach Kythera – aber schifft man sich nach der Liebesinsel ein oder verlässt man sie gerade? Die Insel der Sehnsucht befindet sich im Hitergrund, man scheint zu ihr aufzubrechen, aber kann es nicht sein, daß man sich schon auf ihr befindet und gerade zum Aufbruch rüstet? Abschied nehmend von den Freuden der Liebe, die der geniale Maler in größter Zartheit dargestellt hat?

Es ist unwahrscheinlich, daß sich Gustav und die Residentin, diese Venus Scheerauensis, auf dieser Liebesinsel  befinden.

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[1] Kleine Berliner Anekdote: das unschätzbar wertvolle Bild – der Repräsentant einer ganzen Epoche – sollte in den 80er Jahren, da es sich, worüber in der Öffentlichkeit (mit dem bekannten, nicht ganz leicht zu widerlegenden Argument „Kindergärten“ gegen anderthalb Quadratmeter alter bemalter Leinwand) vehement gestritten wurde, im Besitz eines Hohenzollernprinzen befand und der Mann klamm war, verkauft werden. Es sollte also von seinem angestammten Platz, an dem es sich seit König Fritzens Zeiten befand und wo es kulturgeschichtlich hingehörte, entfernt werden, um in eine Auktion gegeben zu werden. Der Prinz machte damals einen Vorschlag: der Kaufpreis beträgt 15 Millionen DM, dafür könnte es in Berlin verbleiben. Um das kostbare Gemälde für Berlin zu retten, sprang der Bankier Abs in die Bresche: wenn es den Berlinern gelänge, 5 Millionen privat, also durch Bürgersinn, aufzubringen, würde er 5 Millionen spendieren, der Rest wurde vom Berliner Senat garantiert. Großer Aufruhr – aber auch großer, kulturell bewegter Bürgersinn. Die Berliner sammelten 5 Millionen Mark, es gab Benefizaktionen wie jene unvergessliche Vorstellung der Schaubühne, die im Schlosspark Charlottenburg, vor der Gartenseite des Mitteltrakts, Marivaux' Streit spielte, und das Bild konnte im jenem Schloss verbleiben, für das es einst angekauft wurde. 15 Millionen D-Mark: von heute aus gesehen war das ein lächerlich niedriger Preis, aber auch er musste bezahlt werden. Es hat sich gelohnt.



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