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14.10.2013, 12:24 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [251]: Aufruhr einer erotisierten Seele

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Under der linden
an der heide
dâ unser zweier bette was
dâ mugent ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras
vor dem walte in einem tal -
tandaradei
schône sanc diu nahtegal.

Ich muss an diese wunderbaren, so leicht dahinfließenden, charmant anspielenden Verse Walters von der Vogelweide denken, als ich folgende Zeilen lese:

O wäre doch der Kies weicher oder das Gras länger gewesen, damit beide ihm den matten Abriss einer Spur, dass sie dagewesen, aufgehoben hätten; so würde dieser Dornengarten seiner Unsichtbaren seinen Wünschen noch größere Flügel, und seiner Wehmut größere Seufzer gegeben haben.

Jean Paul bezieht sich auf eine literarische Tradition, die ihm, vermute ich, aus direkter Hand nicht bewusst war. Erst 1805 – 17 Jahre vor Ludwig Uhlands bedeutender Schrift über den bedeutendsten mittelhochdeutschen Lyriker – hat Friedrich Haug das berühmte Gedicht folgendermaßen übertragen:

Das Geheimniß
Nach Walter von der Vogelweide

Unter den Linden
An der Heide,
Wo beim Ritter ich mein vergaß,
Möget ihr finden

Für uns beide
Hingebettet Blumen und Gras.
Vor dem Wäldchen im stillen Thal –
Tandaradei!
Flötete die Nachtigall.

Glühend die Wangen,
Sanft gedrungen,
Naht’ ich jenem Bezirk der Lust.
Küssend empfangen,
Froh umschlungen

Sank ich an des Liebenden Brust,
Und wir küßten die Lippen wund.
Tandaradei!
Noch ist brennendroth der Mund.

Siehe! Mein Lieber
Schaffte sinnig
Uns von Blumen ein Lager dort.
Geht wer vorüber
Lacht er innig
Ob dem kunstbereiteten Ort!

An den Rosen er merken mag,
Tandaradei!
Wo mein Haupt umduftet lag.

Kennte nun jemand,
Die da lagen,

Und ihr Buhlen – ich schämte mich.
Doch es weiß niemand,
Weß wir pflagen,
Als mein Vielgetreuer und ich,
Und ein singendes Vögelein.

Tandaradei!
Das wird kein Verräther seyn.

Gustav sieht also nicht mehr Beata, er sieht nicht einmal die „Reliquien“, also die Spuren, die ihre göttlich-heiligen Füßchen hinterlassen haben könnten – denn sie bleibt fort, vertrieben vom fürstlichen Ekelpaket. Der junge Mann befindet sich im Aufruhr, es ist ein Aufruhr einer erotisierten Seele, und ebenso wunderbar, wie Walthers von der Vogelweide Zeilen fließen, ist die Beschreibung dessen, was im Verliebten vorgeht: „dass er jetzt in jenem schwärmerischen, sehnenden, träumenden Zustand war, der vor der erklärten Liebe ist.“

Kann man das Schöne des zwar unbefriedigten, doch seltsam glücklichen Zustands besser beschreiben, der vor jener Erklärung liegt, die alles, alles anders – und gelegentlich furchtbar schwierig macht? Wenn man nicht Glück hat wie unsere zwei? Tandaradei.....

Walther von der Vogelweide hat diese Szene imaginiert. Der Dichter war in dem Sinne ein Kollege Jean Pauls, als dass er in Franken (genauer: im Lusamgärtlein zu Würzburg, wo man heute noch die Stätte seines Grabes besuchen kann) begraben wurde.



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