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08.10.2013, 08:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [245]: Über kurze und lange Liebhaber

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„Die Schäfer“ von Antoine Watteau (1717)

Nein, Jean Paul mag den Fürsten nicht – jedenfalls nicht den Fürsten, der „zwar das Volk, aber keine Schöne seufzen hören“ kann. An Figuren wie diesen Aristokraten geht sein Schwarzenbacher Wahlspruch zuschanden: „Ich will die Menschen lieben.“ Liebe: der Begriff eignet sich für den Fürsten nur, um eine „kurze“ zu beschreiben. In diesem Sinne setzt er die Hirtenflöte ein (wenn er das Volk regiert, weidet er es, sagt der Dichter, mit dem Hirtenstabe, aber nicht mit der -flöte). Natürlich schreibt Jean Paul nicht, dass der Fürst bei seinen Damen seine Hirtenflöte in Anschlag bringt – so derb metaphorisiert er niemals –, aber die Allusion liegt nahe – zumindest für den, der den anzüglichen wie charmanten Buchtitel Zauberflöte und Honigtopf noch in Erinnerung hat.

Jean Paul, der Menschenfreund, schreibt also 1791 Folgendes den Fürsten seiner Zeit ins Stammbuch:

Er kann zwar das Volk, aber keine Schöne seufzen hören; er wendet emsiger eine gesellschaftliche Verlegenheit als eine Teuerung ab; er bleibet lieber den Landständen als seinem Gegenspieler etwas schuldig und bauet keine abgebrannte Stadt, aber eine eingerissene Frisur willig wieder auf. Kurz der Landesvater und der Gesellschafter sind in seinen Herzkammern Wandnachbaren, aber Todfeinde.

Vom Politischen geht er aufs Private, aufs sog. Liebesleben – das Eine bedingt das Andere, oder anders: so wie der Fürst, so der Liebhaber, der nicht wirklich lieben kann:

Dieser Gesellschafter subdividierte sich wieder in zwei Liebhaber, in den kurzen und in den langen. Seine lange oder weitergrünende Liebe besteht in einer kalten verachtenden Galanterie und in dem Vergnügen an der Feinheit, an dem Witze und an der Grazie, womit er und der geliebte Gegenstand ihre gegenseitigen Siege zu verzieren wissen. Seine kurze Liebe besteht in seinem Vergnügen an jenen Siegen, insofern sie jene Dekoration nicht haben.

Bloße Angst vor der Zensur gab dem Autor schließlich die Einschränkung ein, die denn auch gefressen wurde:

Damit man dieses unschuldige Pasquill auf einen nicht für Satire auf die meisten Großen halte, so will ich so fortfahren…

Es genügt für heute, zu wissen, dass Beata so viel Angst vor der fürstlichen Flöte hat, dass sie sich lieber in ihrem Zimmer verkriecht als in ihr geliebtes Stilles Land zu gehen. Die Entfremdung wird also provoziert, während der Fürst das – scheinbar – unschuldige Hirtenleben, die bukolische Existenz, missbraucht, um seinen  Liebschaften nachzugehen.

Hirt und Hirtin zu spielen: es war niemals ein unschuldiges Spiel – weil es nur (wenn auch gewiss ein bezauberndes) Spiel war; Watteau hat es hinreißend verewigt. Sich als Adliger in eine Eremitage zurückzuziehen oder sich in „einfache“ Gewänder zu hüllen, um in den Gärten und Parks so etwas wie ein ideales Landleben zu spielen und zu imaginieren: es hatte, im Schatten der Ausbeutung, schon immer seine Reinheit verloren. Wo Monsieur und Madame so tun, als seien sie „bergers“, als wären sie also in der Lage, Schafe zu hüten, siegte die Lüge über die Wirklichkeit – so wie im Fall des Fürsten die „kurze“ über die „lange“ Liebe triumphiert: im Zeichen seiner Zauberflöte.



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