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02.10.2013, 12:56 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [241]: Die Liebe macht ein doppelt schlechtes Gewissen

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"Es gibt bessere und seltnere Menschen, die sich für hineingerissene Spieler halten und jede Grasspitze für beseelt ansehen, jedes Käferchen für ewig und das unbändige Ganze für ein unendliches schlagendes Adersystem, in welchem jedes Wesen als ein saugendes und tropfendes Ästchen zwischen kleinern und größern pulsiert und dessen volles Herz Gott ist." [Bild: Albrecht Dürer, Das Große Rasenstück, 1503]

Wer zu viel verziehen hat: will sich nachher rächen. Hat Jean Paul nicht auch geschrieben, dass man bei einer Geliebten zunächst Vorzüge überbewertet, um nachher auf Nachteilen herumzuhacken? Oder habe ich das gerade bei Albert Camus gelesen, der demnächst seinen 100. Geburtstag feiern wird? Bei Albert Camus, einem der wenigen Dichter und Denker[1] des 20. Jahrhunderts, der „aktuell geblieben ist“ wie kein Zweiter (wie die Formel lauten müsste)?

Die Freundschaft zwischen Amandus und Gustav also steht auf der Kippe, wenn sie nicht schon längst durch die Liebe zerstört wurde. Jean Paul findet dafür eine Erklärung, die auf den ersten Blick paradox anmutet: diese Freundschaft sei in eine so hohe Flamme aufgeschlagen, „dass sie notwendig Asche auf ihren Stoff herunterbrennen musste“. Das schlechte Gewissen macht es, dass nun auch bei Gustav der Vernichtungsprozess ein aktiver ist – denn immer, wenn er, gequält, auf Beata schaut (sie wandelt im Garten umher wie seine Gartengöttin), muss er an Amandus denken, und da er ein rechtgläubiger Bursche ist, hat er das Gefühl, dass er sich rechtfertigen müsste. Eine schlechte Ausgangsposition für die Liebe – sowohl zu Beata als auch zu Amandus, doch wäre Gustav nicht Gustav, wenn er nicht noch in dieser verzwei-felten (zwie-fachen) Situation dem Freund buchstäblich alles opfern würde, „was das Volk Freuden nennt“. Ergo: er würde Beata dem Amandus darbieten.

Die Frage wäre nun, wieso er nicht gleich auf Beata verzichtet... Weil er sich seiner Gefühle ihr gegenüber noch nicht ganz bewusst ist? Weil er im Fall des Falles eben doch nicht die Ersehnte „opfern“ würde? Gustav wird in einem Brief an den Erzähler nun schreiben, wie es ihm in all dem ergeht, und Jean Paul beginnt wieder, in Theatermetaphern zu sprechen: „Diesen Brief werden freilich die verwerfen, die vor dem Natur-Schauspiel als kalte Zuschauer, als entfernte Logen-Pächter stehen; aber es gibt bessere und seltnere Menschen, die sich für hineingerissene Spieler halten...“ Seltsam: „Jean Paul“ verkoppelt die Natur mit der höchsten Kunst, dem Theater. Gustavs Drama ist ein Natur-Schauspiel, weil in ihm die Natur mit den Widerborstigkeiten der Zivilisation streitet – weil sie, ergänze ich, notwendigerweise mit dieser Kunst und Künstlichkeit des gebändigten Lebens streiten muss, das den Begriff der Entfremdung – und auch dies ist notwendig – kultiviert hat. Das Leben ist ein Spiel, ist Verstellung, ist ein bedingtes Imzaumhalten der Affekte. Täglich und stündlich, da kann die sog. Natur machen, was sie will – sie richtet ja schon – siehe Gustav und Amandus – genug Unheil an.

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[1] „Dichter und Denker“ – diese Formel stammt von Jean Paul, denn vorher sprach und schrieb man von „Denkern und Dichtern“. Auch hier kommt es auf den kleinen Unterschied an, der einen großen macht: denn das Dichten vor das Denken zu setzen bedeutet, der Dichtkunst jenen Platz zu geben, den vorher das rationale Ingenium einnahm – ohne das Denken zu bagatellisieren.



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