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30.09.2013, 13:49 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [239]: Über Ernst von Feuchtersleben

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Portrait von Ernst von Feuchtersleben

Fern von Menschen wachsen Grundsätze; unter ihnen Handlungen. Einsame Untätigkeit reift außer der Glasglocke des Museums zur geselligen Tätigkeit, und unter den Menschen wird man nicht besser, wenn man nicht schon gut unter sie kommt.

Man kennt diesen Aphorismus aus diversen Jean-Paul-Aphorismussammlungen – aber meist wird nur der erste Satz zitiert, als gehörte der zweite nicht dazu. Man entdeckt ihn auch bei Ernst von Feuchtersleben, der ihn in seiner Sammlung Der Geist der deutschen Klassiker zitiert hat, wobei Feuchtersleben den ganzen Zusammenhang gebracht hat.

Feuchtersleben? Er ist mir letztens zum ersten Mal erschienen, weil Wagner, der andere Bayreuther, ein paar Zeilen von ihm vertont hat: Es ist bestimmt in Gottes Rat. Wer war dieser Herr von Feuchtersleben? Ein Sohn eines Mannes, der in erster Ehe mit einer Tochter des berühmten Mohren Angelo Soliman verheiratet war, ein Repräsentant der Wiener Kultur der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der Grillparzer- und Waldmüller-Epoche. 1806 geboren, „verkehrte er“ mit Schubert und Grillparzer, später mit Hebbel, außerdem wurde er Freund und Hausarzt Ottilie von Goethes. 1837 kamen seine Beiträge zur Literatur, Kunst und Lebenstheorie heraus. Wilhelm Bietak schrieb über ihn in der Neuen Deutschen Biographie:

Der Kritiker Feuchtersleben erkannte die großen Gipfel der europäischen und orientalischen Literatur, die Lebensmeisterschaft des greisen Goethe, beinahe als erster den Naturforscher Goethe. Von der romantischen Allpoesie erwartete er keine Heilung des „pathologischen“ Zustandes der Gegenwartsliteratur, wiewohl er der Romantik im einzelnen, besonders F. Schlegel und Novalis, verpflichtet war und andere ihrer Randerscheinungen, so W. Heinse und H. von Kleist (besonders dessen Novellenkunst), schon früh würdigte. Psychologisches Interesse und Objektivität bis zur Selbstentäußerung ließen Feuchtersleben häufig zum Biographen, unter anderem F. Schlegels, Goethes, Schillers, Jean Pauls, zum Herausgeber W. F. von Meyerns und Mayrhofers sowie zum verständnisvollen Förderer junger Talente, zum Beispiel O. Prechtlers und F. Stelzhammers, werden.

Hebbel – immerhin Hebbel – gab seine Sämmtlichen Werke in sieben Bänden heraus: mit Ausschluss der rein medizinischen, und Grillparzer notierte Erinnerungen an den teuren Mann. In meiner schönen Grillparzer-Ausgabe (alte Bände, sehr gut erhalten) finde ich folgende Worte über Feuchtersleben:

Die Grundlagen seines Charakters waren: Rechtschaffenheit, Wahrhaftigkeit, Wohlwollen und Bescheidenheit.

Grillparzer erläutert dann diese Charaktereigenschaften, die es erklären, wieso Feuchtersleben eine Florilegiensammlung herausgab:

Seiner Begeisterung für die Kunst machte er – da er sich die eigene Begabung unbilligerweise selbst absprach – dadurch Luft, dass er sich dem Streben anderer auf das innigste anschloss. Nicht auf jene in Deutschland beliebte Weise, dass man sich in irgend einen großen Schriftsteller hineinbegibt, und nun von der fremden Höhe auf alles andere mit wegwerfender Verachtung herabsieht. Gerade das Gegenteil. Er war mit der hingehendsten Liebe vorzugsweise dem Streben seiner Zeitgenossen, ihm Näherstehenden zugewendet. Auf die Bildung junger Talente einzuwirken, aber auch bei Werken, die ganz unabhängig von ihm entstanden waren und eine solche Hingebung nur irgend vertrugen, jede gute Seite hervorzukehren, jede Wendung, jeden Gedanken zur Geltung zu bringen, überall ein Tieferes vorauszusetzen, zu supplieren, zu ergänzen, sich ganz in das Fremde hineinzuleben; er war unermüdet in solch liebevollem Anerkennen, Diese seine Weise hatte für einzelne seiner Freunde sogar etwas Gefährliches, und ich selbst musste auf der Hut sein, seine optimistischen Deutungen in Bezug auf meine eigenen Arbeiten, bei mir selbst auf ihre wahre Geltung zurückzubringen.

Das ist, was ich das Wohlwollen des Mannes nannte. Und diese selbstvergessende Liebe war es, was ihm, verbunden mit seinen übrigen Vorzügen, den Stempel der vollkommensten Liebenswürdigkeit aufdrückte.

Feuchtersleben starb im Revolutionsjahr 1849: an einem „schweren Unterleibsleiden“, also wohl am Krebs. Er war, meint die NDB, ein Idealist, der an der Zeitenwende zerbrach. Die Sammlung der Sprüche der Klassiker passt zu ihm – Jean Paul mochte solche Sammlungen überhaupt nicht; die Kürzungen und das Herausbrechen der Sentenzen aus den Kontexten gaben ihm Recht – aber im Falle des freundlichen Herren von Feuchtersleben, den man heute auf dem Zentralfriedhof besuchen kann, hätte er vielleicht eine Ausnahme gemacht.

PS: Seine Tante ist bekannter: Die Dame hieß Caroline von Feuchtersleben, diente als Hofdame der Charlotte von Hildburghausen und war mit einem gewissen Jean Paul verlobt.



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