Info
13.09.2013, 16:19 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
images/lpbblogs/logenlogo_164.jpg
Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [236]: Vom Apfel, der eine Feige ist

Nichts ist […] gefährlicher, als wenn wir nur mit zwei, drei Fingern an ein Frauenzimmer picken und anstreichen – mit dem ganzen Arm hinanzukommen, ist für uns ohne alle Gefahr; so wie etwa die Nesseln weit mehr brennen, leise bestreift als hart gefasset.

Wie wahr. Ich könnte jetzt wieder autobiographisch werden, aber ich lasse es lieber, denn „wenn man alles sagt, ist man vielleicht kein Mensch mehr“, wie es in Ulrich Plenzdorfs Neuen Leiden des jungen W. heißt.[1]

Worum geht's? Fenk operiert an Philippines Ohrläppchen herum – mit Hilfe eines Apfels: „der Doktor mußte mit seinen Pulsfingern den roten Ohrzipfel an den Apfel pressen und dann eine Zitternadel oder was es war durch dieses Sinnwerkzeug, das die Mädchen weit seltener als das nächste spitzen, drücken.“ Dieses Apfel-Bild nutzt Jean Paul nun, um auf Philippines problematische, verführerische Weiblichkeit und Tugend zu kommen, die „in den volkreichen Zimmern der Residentin ein wenig schwärzlich angelaufen ist, wie Silber im sumpfigen Holland“. Die Töchter ihrer Eltern sind, stellt er fest,

selten schlechter als ihre Gesellschaft, aber auch selten besser. Dieser geistige Wein zieht den Obstgeschmack der Evas- und Paris-Äpfel, die um ihn liegen, ein; er schmeckt alsdann noch gut, aber nur wie Wein nicht.

Wenn man sich einen halbierten Apfel anschaut, begreift man auch, wieso die Urfrau dem Urmann gemäß der deutschen Fassungen der Paradiesgeschichte einen Apfel anbot. Im orientalischen Original müssen wir uns eine Feige vorstellen, was die Sache feuchter, also nicht weniger anspielungsreich macht – denn Eva kostete zunächst von der köstlichen Frucht, bevor sie sie dem Adam reichte: mit der halbierten Schnittfläche in Ansicht, die an symbolischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.

1538 malte Lukas Cranach diese Ansicht der Eva-Verführung, die sich heute in der Nationalgalerie der Stadt Prag befindet: einer Stadt, wo der Blogger (das passt ins Bild) vor nicht allzu langer Zeit – aber er hat sich ja vorgenommen, lieber nicht autobiographisch zu werden....[2]

Widmen wir uns lieber dem Schluss des Sektors, der zugleich den Schluss des ersten Teils markiert:

Eine gewisse Person, die fast alle vierzehn Tage nachlieset, was ich geschrieben, ist satirisch und fragt mich, auf welchem Bogen, ob auf dem Bogen Aaa oder Zzz, der fernere Liebehandel zwischen Paul und Beata bearbeitet werde – sie fragt ferner, obs dem Leser schon erzählt ist, daß der kokettierende Paul Verse, Schattenrisse, Sträußer und Adagios seitdem gemacht, um sein Herz auf diesen Deserttellern, auf diesen durchbrochnen Fruchttellern, in diesen Konfektkörbchen zu bringen und zu präsentieren – diese fatale mokante Personage fragt endlich, ob es der Welt schon berichtet ist, dass aber Beata sich nichts ausgebeten als das leere Körbchen und den leeren Desertteller.... Im Grund' ärgert mich diese Maliz niemal; aber der Doktor Fenk und der Leser haben offenbar die boshafteste Geschicklichkeit, Herzens-Sachen falsch zu stellen und zu sehen – Wahrhaftig es war bisher lauter Scherz, meine vorgegebene Liebe; und wenn sie keiner war: so müßte sie einer werden, weil ich einen so schönen und so verdienstvollen Nebenbuhler, als ich, wie es scheint, an Gustav bekommen soll, nicht einmal überflügeln und verdunkeln möchte, wenn ich auch könnte oder dürfte, wie doch wohl nicht ist....

Wie man sieht, hat „Jean Paul“ selbst zumindest an der Frucht geschnuppert, die ihm Beata – nicht gereicht hat. Was bezweckt er mit der seltsamen Spannung zwischen seiner zwischen Ernst und Scherz changierenden, dennoch nicht rokokohaften Zuneigung zur jungen Dame und Gustavs Hinwendung zu Beata? Wenn ich auch könnte oder dürfte, wie doch wohl nicht ist... die formell besitzt eine Vieldeutigkeit, die unauflösbar ist – unauflösbar wie die Widersprüche des sogenannten Lebens selbst, die Jean Paul in seinen Sektoren deponiert hat.

 


[1] Es geht auch anders: gestern las ich, im Rahmen des Jean-Paul-Lese-Marathons der Markgrafen-Buchhandlung, von Wutzens Werthers Freuden.

[2] Auch wenn er Lust hätte, nun über den fatalen Zusammenhang zwischen den Salzburger Meistersingern (die weibliche Hauptfigur – es gibt eh nur zwei weibliche Solistenrollen – heißt durchaus nicht zufällig „Eva“) und – nein, Ulrich Plenzdorf hatte völlig Recht.



Kommentar schreiben
Verwandte Inhalte