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15.10.2012, 16:14 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [16]: Doktor Fenk aus Oberscheerau

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Auch Jean Paul wurde silhouettiert: von der bekannten Stuttgarter Scherenschnittmeisterin Luise Duttenhofer.

Der Rittmeister hat einen Freund; der Leser fühlt sich an den besten Freund des Armenadvokaten Siebenkäs erinnert (der in Wahrheit Leibgeber heißt): Heinrich Leibgeber, Satiriker, Scherenschnittschneider und Faxenmacher. Ernestine silhouettiert ihn so, wie Leibgeber selbst silhouettiert: eine groteske Type mit Namen Doktor Fenk aus Oberscheerau. „Der Fürst“, weiß sie (welcher Fürst? Aber das sind so jeanpaulsche Überraschungen), „lässet ihn als Botaniker und Gesellschafter mit seinem natürlichen Sohn, dem Kapitän von Ottomar, nach der Schweiz und Italien reisen.“  Der Mann ist zwiegespalten, nicht allein, was seine Kleidung betrifft (er mischt Alt und Neu; es muss, „nach den besten Modern der Narrheits-Journale“, wild aussehen), sondern auch sein Inneres, und der Dichter findet dafür ein schönes Wort: da Fenk „wie viele indische Bäume unter äußern Stacheln und dornigem Laub die weiche kostbare Frucht des menschenfreundlichen Herzens versteckte“.

Scheint's nicht so, als porträtiere sich der Satiriker Jean Paul selber in diesem Doktor Fenk – wenn man davon absieht, dass er selbst, der Dichter, zwischen der Satire und der Zuneigung zu seinen Figuren so changiert wie ein in einem Körper eingefangener Doppelgänger, der zum einen das Sterben des Wutz derart schildert, dass einem die Augen feucht werden – und der zum anderen fröhlich vorschlägt: ein „gescheiter Staat“ solle seine „schmutzigen Glieder (Diebe, Ehebrecher etc.)“ wie ein Strumpfwirker „mit dem Schwerte oder sonst frisch herunterschneiden“. Ein böser Witz, provoziert durch die Beobachtung, dass Fenk den Schmutzkragen seines Überrocks abschneidet, so oft er beschmutzt wird.

Am besten, man macht es sich an diesen Stellen einfach und bemerkt, nüchtern philologisch, dass hier der Erzähler, aber nicht der Autor spricht. Andererseits: wollen wir wirklich auf diesen Witz verzichten, den mit der gängigen political correctness zusammenzuhalten nicht allein ahistorisch, auch humorlos wäre?



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