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19.08.2013, 09:57 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [231]: Der Blogger macht eine späte Entdeckung

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Noch immer, nach dreieinhalb Seiten Sektor XXVI, ist die sog. Handlung nicht vom Fleck gekommen. Der Blogger ist weit davon entfernt, sich zu beschweren – denn er findet herrliche Dinge: beispielsweise den

Nachsommer

Wir befinden uns schon im Nachsommer; nach dem kurzen, heißen Sommer scheint es schon auf den Nachsommer zuzugehen; die Zurüstungen sind jedenfalls schon da, die Abende werden schon mal schnell kühl, die dunklen Nächte länger. „Jean Paul“ hat sein Schreiben unterbrochen, er hat eine Einladung zu Wutzens angenommen, die ihn und seine Schwester „invitiert“ haben: als Gegenleistung für den Dienst, die Möbel des Schulmeisters einquartiert zu haben, weil die seinige endlich nach langem Bittschreiben – denn das Konsistorium sieht Reparaturen an der sichtbaren wie an der unsichtbaren Kirche nicht gern – reformiert, d. h. repariert, nämlich geweißet wurde.

Ja, das ist Weltliteratur. Ein Mann unterbricht seine schriftstellerische, biographische Tätigkeit, weil ihn sein Nachbar zum Essen eingeladen hat, der seine Wände gestrichen hat – aber bevor er zum Essen geht und dann seine Schreibereien fortsetzt, wird er ins Freie gehen, wo er noch dazu ein paar Emmerlinge und die Kirchenleute singen hören kann. Das ist so eine typisch jeanpaulsche Formel, die man gerne künstlich finden kann: dieses Verketten zweier an sich verschiedener Objekte in einem Satz. Entscheidender ist Folgendes:

Überhaupt ist der Nachsommer, der heute mit seinem schönsten himmelblauen Kleide und der Orden-Sonne darauf auf den Feldern draußen steht, ein stiller Karfreitag der Natur; und wenn wir Menschen höfliche Leute wären: so gingen wir da öfter ins Freie und begleiteten den verreisenden Sommer höflich bis an die Türe. Ich seh' es voraus, ich würde mich heute an der milden Sonne, die ein sanft um uns schleichender Mond geworden ist, und die im Nachsommer den weiblichen Artikel verdient, nicht satt sehen können, wenn ich nicht mein Auge nach Scheeraus Berge richten, müßte, wo meine Guten wohnen und von wannen heute mein Doktor mich besuchen wird.

Der Nachsommer, da ist er... Der Gang ins Freie – hat der Erzähler erst einmal den Zwang des satirischen Aneinanderkettens verschiedener Begriffe abgestreift – zeitigt die schönsten Worte. Der Nachsommer... ich kenne diesen Begriff, seit ich, in den tiefen 1970er Jahren, Adalbert Stifters berühmten – und wohl auch nicht sonderlich gelesenen – Roman in die Hände bekam. Nein, ich habe das Goldmann-Taschenbuch aus der bekannten, schönriechenden gelben Goldmannreihe (gedruckt in den frühen 1960er Jahren) damals nicht gelesen, nur ein paar Zeilen überflogen. Die „Erzählung“ ist ja keine, sondern ein veritabler Roman, in dem, hört man, „nichts passiert“. Wunderbar – so etwas mag ich[1]; schließlich lese ich ja auch Jean Paul, wo unendlich viel passiert, beispielsweise Gänge in einen Nachsommer, die mich an einen Roman erinnern, den ich seit 35 Jahren lesen will. Das alte Goldmann-Taschenbuch habe ich nicht mehr, es ging mir in den Zeitläuften auf romanhafte Weise verloren, aber inzwischen steht ein anderes Exemplar in meiner Bibliothek, das ich auf ähnlich seltsame Weise gewann, wie ich das alte verlor. Ich fand es – in einer Salzburger Kirche; ein Mensch hatte es im Sommer auf der Brüstung vor einem Altar in einer der Seitenkapelle der Kollegienkirche abgelegt und nicht mehr mitgenommen. Vielleicht hatte er, nachdem er das Mängelexemplar (passenderweise mit einem Essay von Hugo von Hofmannsthal, der zu den Mitbegründern der Salzburger Festspiele gehört) gekauft hatte, festgestellt, dass man „das Ding“ doch nicht als Sommer-, nicht einmal als Nachsommerlektüre gebrauchen kann. 800 Seiten Kleindruck sind schließlich kein Spaß – zumindest nicht für jeden Leser.[2]

Und das Wort? Jean Paul scheint den Begriff erfunden zu haben. Das Grimmsche Wörterbuch gibt als ersten Nachweis eine Stelle bei Goethe, die aus dem Jahr 1797 stammt:

Ich denke etwa in acht Tagen weiter zu gehen und mich bei dem herrlichen Wetter, das sich nun bald in den echten mäßigen Zustand des Nachsommers setzen wird, durch die schöne Bergstraße, das wohlbebaute gute Schwaben nach der Schweiz zu begeben, um auch einen Teil dieses einzigen Landes mir wieder zu vergegenwärtigen.

Goethe schrieb diese Zeilen in einem Brief an seinen „Kunst-Meyer“, als er sich, in Frankfurt sitzend, auf der Reise in die Schweiz befand. Die anderen drei Nachweise bei Grimm stammen allesamt von Jean Paul, doch nicht aus der Unsichtbaren Loge, sondern aus dem Hesperus, dem Titan und dem Freiheitsbüchlein. Er scheint also das herrliche, ein spätes Glück versprechende, schon aufs Vergehen verweisende Wort, falls sich kein früherer Beleg finden lässt, in der Unsichtbaren Loge das erste Mal verwendet zu haben.

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[1] Es sei denn, dass der Autor Heimito von Doderer heißt, der in seiner schrecklichen, auch sprachlich schrecklich missglückten Strudlhofstiege bewiesen hat, dass man auf 800 Seiten nichts sagen kann.

[2] Gefragt, wie ich denn Kellers Grünem Heinrich gefunden hätte, sagte ich einmal einer wirklich guten Freundin: „Wenn du Zeit hast, ist es ein herrlicher Roman. Wenn du nicht wirklich Muße hast, es zu lesen, ist es vermutlich fürchterlich.“ Diese Unterscheidung mag auch für Jean Paul und Stifter gelten.



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