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12.08.2013, 14:30 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [225]: Flirtversuch mit einer keuschen Kellnerin

Jean Paul reist das erste Mal nach Bamberg. Wir schreiben den 26. August 1810, es ist fast auf den Tag 203 Jahre her, dass der Dichter in die Regnitzstadt reiste. Wo wohnte er damals? Die angemessen dickleibige Jean Paul-Bildbiographie Das Wort und die Freiheit gibt uns die Auskunft: im Gasthaus zum Goldenen Adler – aber wo befand sich dieses Gasthaus? Werner Taegert, der Direktor der Bamberger Staatsbibliothek gibt mir die richtige Auskunft: in der Unteren Königstraße 6. Das Haus existiert noch, man kann sogar, wenn man will, sich heute hier begasten lassen – denn in der Nr. 6 findet sich ein Restaurant, gleich daneben und ungetrennt, in der Nr. 8, ein Hotel. 2008 hat man die beiden Häuser miteinander verbunden, lese ich im Prospekt des Hotels, aus dem mir die Hotelchefin entgegen lächelt. Ankommen und wohlfühlen in Bamberg, ich lese diesen Satz auf der Titelseite und muss an Jean Paul denken, der hier vor fast genau 203 Jahren eincheckte, wie es neudeutsch heißt.

Wie checkte der Bayreuther Gast damals ein? Nicht ganz unproblematisch. Zunächst musste er eine Servicekraft losschicken, die noch etwas für den Gast regeln musste; nach zwei Stunden kam der Mann endlich zurück. Die Zeit verging allerdings auf höchst angenehme Weise: denn wozu gibt es das gute Bamberger Bier? Damit man es trinkt. Es wurde ihm von einer weiblichen Fachkraft gereicht („die Männer waren als Soldaten im Krieg“, lese ich in der Bildbiographie): einer jungen weiblichen Fachkraft. Jean Paul konnte es nicht lassen und begann einen Flirt, der ergebnislos verlief: er habe, heißt es in einem Brief (den er gleichzeitig aufs Papier warf) an Freund Emanuel, „nach einer gewissenhaften Prüfung“ festgestellt, dass die junge Dame flirtresistent, also „sehr keusch“ sei. Schließlich kam der Bote zurück. Jean Paul war zu diesem Zeitpunkt bereits so angetrunken, dass die sowieso schon schwer lesbare Schrift vollends unleserlich wurde.

Wann ging er wieder zur Tür heraus, zum Buch- und Weinhändler Kunz? Es mag ein paar Stündchen gedauert haben, bis er sich auf den Weg Richtung Krackhardt-Haus machte.

Fotos: Frank Piontek, 11.8. 2013



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