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15.10.2012, 16:11 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [15]: Über Fehl- und Kunstgriffe

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Wer schlägt da wen oder: Geschlechterkampf war schon immer - auch im Mittelalter.

Das Vierwochenschach dauert an. Kurz vor Schluss ärgert sich der Rittmeister über die Tatsache, dass Ernestine so gut spielt (nicht, dass sie gut spielt ist sein Problem; vielleicht mag er intelligente Frauen) – und die Tochter wiederum hätte es vielleicht geliebt, so der Erzähler, wenn er ins Schach hineingefahren wäre: „denn was hätt' ich da geliebt als strenge Selberbüßung?“ Die Tochter, denkt er, würde das schon tolerieren, obwohl der Dichter nun auf die Gesinnung kommt, die eine Frau „zweimal 24 Stunden lang gegen einen Mann (aber auch gegen weiter nichts)“ behaupten könne - außer, dass hier wieder eine hübsche Bosheit gegen das „schwache Geschlecht“ entdeckt werden kann, über das zu streiten sich nur dann lohnen würde, wenn wir dem Autor so folgen würden, wie er gelegentlich seine Spuren – auf den Spuren der schwierigen Geschlechterbeziehungen – zu verlieren scheint. Steht der Mann aber nun vor ihr, so behaupte sie nicht mehr diese Gesinnung; Jean Paul gibt, in typischer Aufzählung, ein paar Beispiele an: was Frauen weich mache – und also hätte sie keine Probleme damit, wenn der Erzähler sich plötzlich ins leidige Spiel eindränge.

Gerade lese ich abends, immer nur zwei Seiten, einen Roman von Daniel Kehlmann (Ruhm), der aus neun Erzählungen besteht. In einer dieser Geschichten unterhält sich die Hauptperson mit dem Autor, der diese Person doch nur erfunden hat. Das hat genauso viel Logik wie die Strategie Jean Pauls, das Erfundene für bare Münze zu verkaufen – und wir glauben es ihm, weil es geschrieben steht. Magie des Wortes...

Dann aber wird es wirklich schön. Ich entdecke einen Satz, der so humoristisch wie rührend ist. In einem Brief an eine Erbtante schreibt Ernestine abends um 12 Uhr: „Er verlierts allemal mit seinen Springern durch meine Königin. Wenn er einmal geheiratet hat: so will ich ihm seine Fehlgriffe und meine Kunstgriffe zeigen.“

Soviel Charme, soviel Robustheit, soviel freche Vorfreude.



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