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10.08.2013, 09:45 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [224]: Kleiner Nachtrag insbesondere zu Pierre Bayle

Natürlich kannte Jean Paul auch Pierre Bayle. Man findet eine Erwähnung des französischen Denkers, wenn man in der Sammlung der Berichte der Zeitgenossen über Jean Pauls Persönlichkeit nach Plato sucht. So rücken wieder die holländischen Geister und der Autor der Politeia (Jean Paul spricht von der Republik, aber Platos Staat ist eine Monarchie der Könige) zusammen.

Im Mai 1798 hatte Johann Friedrich Abegg Jean Paul in Leipzig besucht und am 6. Mai einen langen Eintrag in seinem Tagebuch notiert, in dem er des Dichters Meinung über Plato und Bayle festhielt. Für Jean Paul war Plato 1798 „der scharfsinnigste Dialektiker nebst Bayle und dabei ein moralischer Philosoph. Beide, Bayle hauptsächlich, lese ich jedes Mal, wenn ich auf solche Art schreiben will, um meine Seele gleichsam dazu zu stimmen, zu üben zur Fertigkeit“. Eineinhalb Jahre später sollte er an Jacobi schreiben, dass er Fichte und Bayle „wie ein großes Messer“ anwende, „nicht um damit zu schneiden, sondern um meines daran zu schleifen“. Auch Shakespeare wurde in diesem Gespräch gestreift: in Zusammenhang mit Goethes Klassizität (Jean Paul nannte das „Griechheit“) stellte er fest, dass die Griechen „manche Arbeit von Goethe mit Entzücken lesen würden und von Shakespeare: wir sind in vielem weiter als sie“. Wie Jean Paul schon in der Unsichtbaren Loge geschrieben hat: „Zur übermäßigen Bewunderung Shakespeares fehlte ihnen nichts als Shakespeare selber.“

Es ist klar, was Jean Paul an Bayle schätzte: die Fähigkeit zur Kritik, die Bayle nicht daran hinderte, ein gläubiger Christ zu sein. In seinem Dictionnaire historique et critique, das 1697 zum ersten Mal herauskam[1], stellte er den Grundsatz auf, dass es eines nicht gibt: gesichertes Wissen, das in ein „ordentliches“ Lexikon gehört. Nun wird auch klar, wieso Jean Paul der Fußnotenkönig der deutschen Literatur wurde: weil er diese Technik unter anderem dem französischen Enzyklopädisten abgeschaut hatte. Bayle nämlich ging davon aus, dass Wissen belegt und mit Gegenmeinungen versehen werden muss, um authentisch – und damit anfechtbar zu sein. Also versah er seine Artikel mit Fußnoten, in denen er seine Quellen nannte und abweichende Positionen ausbreitete. Nichts Genaues weiß man nicht – aber was man weiß, kann dokumentiert werden.

Hannelore Gärtner hat Pierre Bayles Technik folgendermaßen beschrieben: „Auf das Stichwort folgt zunächst eine sachliche Information, meist mit Definition; Großbuchstaben an den entsprechenden Stellen in Klammern eingefügt, verweisen auf den anschließenden Teil, der einzelne Passagen des ersten Teils erläutert, kritisch kommentiert, mit Zitaten beweist oder widerlegt. In diesem Text machen wiederum Zeichen, lateinische oder griechische Buchstaben auf die Randbemerkungen aufmerksam, die Literaturangaben, auch Zitate und Verweisungen auf andere Artikel enthalten.“[2] Randbemerkungen zu Erläuterungen – diese aparte Verweistechnik hätte Jean Paul erfinden können. Bayle hat, lese ich in der Wikipedia, mit seinen Quellenzitaten und Verlinkungsarten wahre „Faktenlabyrinthe“ geschaffen. Ein schönes Wort – es könnte in Jean Pauls Sprachschatz geboren worden sein.

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[1] In deutscher Sprache hieß es, übersetzt vom großen Johann Christoph Gottsched: Herrn Peter Baylens, weyland Professors der Philosophie und Historie zu Rotterdam, Historisches und Critisches Wörterbuch, nach der neuesten Auflage von 1740 ins Deutsche übersetzt; auch mit einer Vorrede und verschiedenen Anmerkungen sonderlich bey anstößigen Stellen versehen.

[2] Hannelore Gärtner: Zur Geschichte der Lexikographie der Encyclopédie. In: Hans-Joachim Diesner und Günter Gurst: Lexika gestern und heute. Leipzig 1976, S. 98f.



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