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06.08.2013, 16:36 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [220]: Hohe Menschen oder Festtagmenschen

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Die Engel vermitteln auf der Jakobsleiter zwischen Himmel und Erde – so sah William Blake um 1800 das Verhältnis zwischen oben und unten.

In Zusammenhang mit Königin Luise habe ich sie schon einmal erwähnt: die hohen oder Festtagmenschen. Jean Paul widmet ihnen ein eigenes Extrablatt, nachdem der erste Teil des 25. Sektors aus Ottomars Brief bestanden hatte. Die radikale Zweiteilung macht Sinn – denn die Definition dieses hohen Menschen muss erfolgen, nachdem von Ottomars Todessehnsucht die Rede war. Jean Paul muss – ausgehend von seiner Schwarzenbacher Todesvision – einfach begründen, welchen Sinn dieser Eskapismus hat. Er tut es, indem er seine eigene Erfahrung poetisch anreichert. Der Abstand der kleinen Winkelschulhalterexistenz zum Ewigkeitsall ist offensichtlich. Für ihn wie für Ottomar, Gustav, den Genius und Fenk gilt, was sie ersehnen:

die Erhebung über die Erde, das Gefühl der Geringfügigkeit alles irdischen Tuns und der Unförmlichkeit zwischen unserem Herzen und unserem Orte, das über das verwirrende Gebüsch und den ekelhaften Köder unsers Fußbodens aufgerichtete Angesicht, den Wunsch des Todes und den Blick über die Wolken.

Ein hoher Mensch ist also weder ein „Gerechter“ (im jüdischen Sinne) noch ein „Gutmensch“ noch ein besonders empfindsam fühlender noch ein „fester Mann, der wie ein Weltkörper seine Bahn ohne andere Abirrungen geht als scheinbare“. Die Qualifikation gewinnt der Festtagmensch also einzig aus der Sehnsucht nach dem Nichtirdischen, dem Nichtbedingten, ergo: dem Tod, in dem ihn der Engel aufhebt, der das ganze mühselige, schlammbewehrte irdische Treiben von sehr weit oben betrachtet. Unten nur Wolkenschaum und Schmutz, oben der Äther. Der Engel schaut nach unten, in diesen ganzen Mist, er sieht plötzlich unter den gebückten und liegenden, unterdrückten und unterdrückenden Kreaturen die Menschen stehen und aufrecht gehen, die auch deshalb „hoch“ genannt werden, weil sie sich schon physisch über die Kriecher und Lieger erheben: nach dem Ewig-Unendlichen lechzend, das Jean Paul in seiner Festtagsprache zu beschreiben versucht. Sie ist reich instrumentiert: mit all den Ingredienzien von Meerboden und Tränen, Wellen und Wassersäule, Engel und Tiefe. Dem Dichter sind die Menschen Wesen in einem Meer und Abgrund des düster Verzweifelten, dem er die lichte Engelswelt gegenüberstellt: in diesem Sinn entwirft er eine Zweiweltenlehre, die psycho-aristokratisch aufgeladen ist.

Was soll der Leser damit anfangen?

Man könnte sich den Fall einfach machen und von der poetischen Ausgestaltung eines mental einschneidenden, subjektiven Erlebnisses sprechen. Der Dichter verdichtet das, was er am 15. November visionierte, er reichert es mit der Auslegung durch kreative Bilder an, die er aus der traditionellen christlichen Ikonographie kennt, die ihm seit Kindes Beinen an vertraut ist – und die deshalb zur Vorsicht mahnt. Wäre Jean Paul nämlich ein Buddhist gewesen, so hätte er seine Vision in Bildern eines Nirwana ausmalen können – falls so etwas möglich ist: im Nichts noch ein Bild zu entdecken. Wäre er im antiken Griechenland zur Welt gekommen, so hätten ihn die Götter Griechenlands empfangen. Es ist die Bedingtheit dieser Bildwelt, die mich daran zweifeln lässt, ob der literarische Entwurf einer Paranormalität wirklich mehr ist als ein typisch jeanpaulsches Mythologem. Für weitere Details frage man die Skeptiker, die eine Astralreise nicht als geistigen Ausflug, sondern als pure Illusion interpretieren. Unbenommen bleibt Jean Pauls Deutung des Alls als ein unendlicher Raum – und seine  Sicht auf die Engel als Boten des Unendlichen. Um diese Ideen auf dem Papier zu entwickeln, brauchte man keine Astralreisen zu machen – nur seiner Fantasie den breitesten Raum einräumen, nachdem man lange genug in den Nachthimmel mit den blinkenden Sternen geschaut hatte. Für ein extrem disponiertes Gehirn und eine empfindsame Seele war das kein Problem – auch wenn uns Jean Pauls „Traumvisionen“ heute als außergewöhnliche Expeditionen in die Andere Welt anmuten.

Jean Paul steht in seiner Zeit übrigens nicht allein mit diesen Visionen. William Blake hat sie sowohl gemalt als gedichtet, getreu seinem Motto: If the doors of perception were cleansed, every thing would appear to man as it is, infinite. „Wenn die Pforten der Erkenntnis geläutert würden, würde alles dem Menschen erscheinen, wie es ist: grenzenlos und unbeschränkt“ – Jean Paul hat, befeuert durch diverse Reizmittel (später experimentierte man mit Meskalin, Haschisch und LSD), die Pforten seiner persönlichen Wahrnehmung zweifellos mächtig geöffnet. Und es machte ihm einen seltsamen Spaß, seine Erlebnisse in übersteigerten Natur- und Kosmosbildern anzusiedeln: so, wie man einen Traum nacherzählt, die Bruchstücke sortiert und nachträglich deutet – und sich seine Traumwirklichkeit zurechtimaginiert.

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