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26.07.2013, 08:44 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [211]: Ein bisschen Theorie

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Das Buch blieb unvergesslich: Clemens Lugowskis grundlegende Dissertation über die Erzähltechniken des spätmittelalterlichen Romans.

Gut, ich habe begriffen, wieso Oefel Gustav manipuliert, oder anders: welche Funktion die Episoden haben, in denen Gustav weichgekocht wird. Ohne gleich an Clemens Lugowskis These der „Motivation von hinten“ zu denken, der zufolge etwas in einem Text passiert, weil gemäß einer vorgefertigten Logik etwas in einem zielgerichteten Handlungsablauf so und nicht anders passieren muss, wird klar, dass Oefel den Gustav „ängstigt“, genauer: er ängstigt ihn aus dessen Uniform heraus, um ihn in den Hofdienst zu treiben, wo er in seiner, Oefels, Gegenwart als Legationssekretär arbeiten und ihm weiterhin Material liefern soll. Dass Gustav zum Zeugen der Infamierung des beschuldigten Regimentskameraden wird, mag nicht in Oefels Plan gelegen haben – sie kommt ihm jedoch zupass. Es lag im Willen des Erzählers, eben dieses Ereignis in den Roman zu holen, auf dass es seine gute Wirkung tue; damit ist es genügend motiviert.

Lugowski hat 1932 seine Dissertation Die Form der Individualität im Roman. Studien zur inneren Struktur der frühen deutschen Prosaerzählung zum Druck befördert – ich erinnere mich an die Lektüre und die Diskussionen, die wir im Wintersemester 1985/86 an der FU Berlin führten, als es darum ging, das Volksbuch von der schönen Magelone zu interpretieren. Dass man eine 60 Jahre alte Doktorarbeit in die Hand nimmt, um einen spätmittelalterlichen Text zu deuten, ist, glaube ich, relativ ungewöhnlich. Der schwarze Suhrkamp-Band aus der Wissenschaftsreihe war uns damals der Wegweiser, und wenn ich es recht bedenke, blieb die Lektüre und die These von der Motivation von hinten bis heute prägend für mich – soweit es bestimmte Texte betrifft, die ich nicht mit dem Richtmaß irgendeiner „Realität“ erfassen muss. Unvergesslich ist darum auch das Wort vom mythischen Analogon. Die Begriffe zeigten dem akademischen Greenhorn, dass man in der Schule alles Mögliche gelernt hatte – aber nicht, wie man Texte „ordentlich“ zu interpretieren hat. Entgegen allem anderen Theoriekram und -geschwurbel[1] blieb mir die Erinnerung an Lugowski wohl auch deshalb haften, weil der jung verstorbene Autor (er starb 1942 bei Leningrad) etwas definiert hatte, was (nicht nur mir, und nicht nur damals) angesichts der spätmittelalterlichen Texte nicht aufgesetzt, sondern vernünftig schien. Heinz Schlaffer, der auch das Nachwort zum Neudruck der Dissertation verfasste, schrieb in der NDB über ihn und seine Arbeit: „In dem Maße, in dem die irrationalistischen Tendenzen der Germanistik den präziseren Methoden einer international orientierten Literaturanalyse weichen mussten, gewannen die literaturtheoretischen, erzählanalytischen und romangeschichtlichen Erkenntnisse der Form der Individualität im Roman zunehmend an Bedeutung (zuerst bei H. R. Jauß und W. Iser). Lugowskis erste Arbeit erweist sich heute als sein bleibendes Werk.“

Gustavs Beispiel zeigt mir, dass Literatur nicht deshalb „gut“, also diskussionswürdig ist, weil sie eine „Realität“ im Verhältnis Eins zu Eins spiegelt, sondern weil das literarische Gesetz ein autonomes ist. Simpler und trivialer ausgedrückt: es ist der Stil, der über den Wert eines Textes entscheidet, nicht der sog. „Inhalt“ oder irgendeine „Logik“. Wie überzeugend eine Motivation ist: es zeigt sich weniger im äußeren Wirklichkeitsgrad dessen, was wir im Verhältnis zum Text im Leben zu kennen meinen, sondern in der Stärke, mit der der Autor seine Kausalitäten entwickelt. Im Falle der Volksbücher herrscht eine göttliche Vorherbestimmung, die einfach erfüllt werden muss, komme und geschehe, was da wolle. Im Falle Gustavs und Oefels herrscht der Autor, der Oefels Willen erfüllen will – den Gustav auf ein bestimmtes Ziel zu lenken –, mit Hilfe von drei „Parallelen“ und dazugehörigen Ereignissen, die passieren, weil sie passieren müssen. Im Übrigen ist die Degradierung, die Gustav miterleben muss, ja nicht unrealistisch. Früher oder später hätte er vielleicht zum Zeugen eines derartigen Aktes werden müssen.

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[1] Ebenso haltbar blieb der Begriff Mythologem, den ich damals ziemlich bekloppt fand, und den ich im selben Semester – oder war es das nächste? – zum ersten Mal hörte: gesprochen von einem graugesichtigen, ausgesprochen trocken agierenden Kettenraucher in einem der kleinen Seminarräume an der Habelschwerdter Allee. Das Rauchverbot hatte sich damals auf einige U-Bahn-Waggons erstreckt – in der Universität war es noch nicht angekommen, und so hustete sich der Dozent fröhlich durch das Seminar.



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