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11.10.2012, 15:56 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [12]: Über Väter und Töchter

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„Auch das kann man sich gefallen lassen, daß er und die Kempelsche Schachmaschine Briefe miteinander wechselten und daß des hölzernen Moslems Konviktorist und Adjutant, Herr v. Kempele, ihm in meinem Beisein aus der Leipziger Heustraße im Namen des Muselmanns zurückschrieb, dieser rochiere.“ Ein vermeintliches Wunder seiner Zeit: der 1769 konstruierte Schachautomat des Wolfgang von Kempele, 1789 gezeichnet von Joseph Racknitz.

Das Portal öffnet sich, wir betreten den Ersten Sektor. Ein Sektor ist ein Ausschnitt, der in diesem Fall ein Anschnitt ist – einer, der typisch jeanpaulisch beginnt: denn wir sind sofort, ohne jegliche Vorrede (denn die hat der Vorredner ja schon geliefert) in der Geschichte, d.h.: bei einer Figur. Nichts ist überraschender als ein überraschender Angriff, wie der General Custer in Little big man so schön und richtig sagt.

Der Autor spricht, er gibt schon im ersten Wort seine Meinung ab: „Meines Erachtens“. Die Figur heißt Knör, auch das ist ein typisch jeanpaulischer Name: kurz und ein wenig grotesk. Er ist Obristforstmeister, er ist ein Schachmeister, seiner „unbändigen Liebhaberei“. Man sieht: auch er gehört zu den Extremtypen, die immer ein wenig übertreiben (ein Fundus für die Komik, naturellement). Als solcher gibt er den Bewerbern seiner Tochter Ernestine die Aufgabe, sie im Schachspiel zu erwerben. Der Erzähler bezeichnet das, würde es glücken, als einen „Zug aus der Quaterne“, einer Art Sechser im Lotto, denn „es ist verdammt schwer, wenn der Vater selbst hinter dem Stuhle passet und der Tochter jeden Zug angibt, womit sie ihren König und ihre Tugend gegen den Leser decken soll“. Wäre ich obszön, müsste ich schreiben: „ihre Königin und damit ihre Tugend“, aber das lasse ich besser.

Klingt das nicht wahnsinnig? Nur, wenn man es im Licht einer radikalen Gegenaufklärung begreift. Der advocatus diaboli im Leser könnte nämlich mutmaßen, dass Knörls Überlegungen durch die Vernunft gedeckt werden, da ein guter Schachspieler zugleich ein guter Mathematiker ist, der sich einerseits aufs „Deployieren und Schwenken“[1] versteht, andererseits auf das Kommandieren seiner Frau verstünde. „Offenbar gehörte der forsche Obristforstmeister zu einer Art radikaler Anarcho-Patzer-Gruppierung, denn er forderte sogar die Steuerfreiheit für Schachspieler - wer wollte da widersprechen?!“, lese ich in einem Bericht über eine Lesung innerhalb einer Schachausstellung im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Steuerfreiheit für Schachspieler – der Mann gehört nicht nur zu den aufgeklärten, sogar zu den liberalen.


[1]Die Fußnote folgt auf dem Fuß; der Dichter kennt sich auch in der neueren, mathematisch fundierten Militärwissenschaft aus, die er sich durch Hahn und Müller erlesen hat. Noch im Kleingedruckten waltet die schönste Dialektik der Aufklärung, die die exakten Wissenschaften, den Krieg und die Eroberung wie Beherrschung der Frau ineins setzt.



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