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23.07.2013, 10:13 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [208]: Merkwürdige mathematische Operationen

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Dritte Parallele

Um Gustav gefügig zu machen, zieht Oefel die „dritte Parallele“. Parallele? Man weiß, was das ist, aber macht der geometrische Begriff hier Sinn? Wenn Oefels jeweiliger Zug eine Parallele ist, welche ist dann die erste Linie, worauf sie sich im Raum bezieht? „Er soll mich am Ende selber um das bitten, um was ich ihn bitte“, hatte Oefel gedacht. Immerhin hier herrscht so etwas wie ein Prinzip der (scheinbaren) Gleichheit – bezieht sich der Oefelsche Plan auf die Parallelisierung selbst? Dann wäre Oefels real gezogene Parallele das Pendant zu Gustavs, von Oefel erwünschter, also lediglich imaginärer Parallele: eine Parallele, die in der Zukunft entstehen soll. Streng genommen müsste sie sich mit Oefels Parallele im Endlichen schneiden! Dies aber widerspräche dem Charakter einer Parallele derart gravierend, dass von einer Parallelenziehung schlechterdings keine Rede sein könnte. Was also meint Jean Paul?

Vermutlich ist die Rede von jenen drei Parallelen, die Oefel selbst zieht: jede einzelne hat nur ein Ziel und eine Richtung: Gustav weich zu kochen und an den Hof zu ziehen. Verwirrend ist der Gebrauch des Begriffs nur dort, wo bereits bei der Ziehung der ersten Linie von der Parallele die Rede ist, da doch erst mit der zweiten eine Parallelisierung erfolgen kann. Der Erzähler und Lebensberichter ist dem Leser also um jene Schritte voraus, die es möglich machen, die mathematische Figur hier in Anschlag zu bringen.

Der dritte Zug: Gustav zu militarisieren, so dass die „militärischen Übungen beinahe seinen feinen porzellanenen Leib zerbrachen“. Demoralisation durch Drill – und durch weitere erotische Attacken. Nämlich so: der Kadettengeneral gibt ein großes Souper, Gustav wird als Schildwache geknechtet, er erblickt, wie gewünscht, die Frau von Bouse (und Beata), was dem Erzähler einen Witz entlockt (er hält ihn für witzig): „Wenn man vor solchen Gesichtern das Gewehr präsentieren muss: so will mans viel lieber strecken und überhaupt statt stehen knien, um nicht sowohl den Feind zu verwunden als die Freundin....“ Man beachte die vier Pünktchen.... „Verwunden“?... Verwundet hat mich, der mich erweckt...[1] Witzig? Nun ja – da verbirgt sich eher erwünschte Parallelisierung von eindeutig erotischen Interessen, die sich der Erzähler in einer schwachen Minute selber zugestand.

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[1]        Brünnhilde: Verwundet hat mich, der mich erweckt!
Er erbrach mir Brünne und Helm:
Brünnhilde bin ich nicht mehr!

                Siegfried: Noch bist du mir die träumende Maid:
Brünnhildes Schlaf brach ich noch nicht.
Erwache, sei mir ein Weib! (Richard Wagner: Siegfried, 3. Akt, 3. Szene. Gestern abend in Bayreuth...)



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