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22.07.2013, 09:59 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [207]: Will man das Herz kitzeln oder spalten?

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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Für ...

Man muss sich nur einmal das milde Agnus dei miserere nobis qui tollis peccata mundi aus Beethovens C-Dur-Messe op. 86[1] anhören, um die Gefühle zu begreifen, die Amandus manipulieren, als er seinem Freund verzeihen will und es doch nicht tut. Es herrscht, ihn beherrschend, ein Hin und Her der Emotionen, denn er nimmt an, dass Gustav den Park „und mithin die Spaziergängerin“ besucht habe. Meint der Erzähler hier Beata oder die Frau von Bouse? Egal – Amandus schwankt wie ein Rohr im Wind, und Jean Paul findet ein schönes Wort für den Unterschied von Liebe und Freundschaft:

Die Freundschaft duldet Mißhelligkeiten weniger als die Liebe.

Diese kitzelt damit das Herz, jene spaltet es damit.

Auf den ersten Blick wirkt dies wieder wie eine typisch jeanpaulsche Rabulistik; denkt man ein wenig darüber nach, findet man es, sich an eigene törichte Szenen erinnernd, völlig richtig: was nichts über den Wert von Liebe oder Freundschaft besagt. Mir fällt unversehens eine Geschichte aus dem Keuner-Zyklus ein, die Klaus Völker 1976 aus dem Nachlass Bertolt Brechts veröffentlichte[2]:

Es ist ein weitverbreiteter Unfug, dass die Liebe über die Freundschaft gestellt wird und außerdem als etwas völlig anderes betrachtet, Die Liebe ist aber nur soviel wert, als sie Freundschaft enthält, aus der allein sie sich immer wieder herstellen kann. Mit der Liebe der üblichen Art wird man nur abgespeist, wenn es zur Freundschaft nicht reicht.

Ich finde diese Geschichte auf einem handschriftlichen Zettel, den ich vor Urzeiten in meine Taschenbuchausgabe der Geschichten vom Herrn Keuner einlegte: zwischen die Seiten 86 und 87. Hier finde ich die Geschichte Liebe zu wem? und die Sätze:

Liebe ist der Wunsch, etwas zu geben, nicht zu erhalten. Liebe ist die Kunst, etwas zu produzieren mit den Fähigkeiten des andern. Dazu braucht man von dem andern Achtung und Zuneigung. Das kann man sich immer verschaffen. Der übermäßige Wunsch, geliebt zu werden, hat wenig mit echter Liebe zu tun. Selbstliebe hat immer etwas Selbstmörderisches.

Ich unterschreibe das – aber ich würde den letzten Satz ein bisschen ergänzen: Übertriebene oder ausschließliche Selbstliebe hat immer etwas Selbstmörderisches. Keuner hat recht – aber die Theorie ist, das ist banal, schwer in die Praxis umzusetzen. Wir sehen es am Fall Amandus; der um die Freundschaft trauernde Gustav liebt dagegen mehr den Anderen als seinen eigenen Stolz. Für Jean Paul (und Brecht und Beethoven...) gilt, was der Meisterdenker über das Verhältnis von Ich und Du sagte: „Liebe ist die Kunst, etwas zu produzieren mit den Fähigkeiten des andern“ – das heißt: alle haben sie „geräubert“ (ich bitte die Gänsefüßchen zu beachten), alle haben sie die Texte und Kompetenzen der „Anderen“ gebraucht, um haltbare Kunstwerke zu produzieren. Brecht mehr, Jean Paul auf virtueller Ebene nicht wenig, indem er wie ein Weltmeister zitierte und die Gleichnisse aus seinen gesammelten Aufzeichnungen kompilierte. Jean Paul zitierte wie ein Weltmeister, und Brecht arbeitete, als genialer Teamworker, in seiner avantgardistischen Literatur-Fabrik.

Amandus also schwankt, Jean Paul weiß, und wieder hat er Recht, weil er schon mit der sogenannten Liebe Recht hatte, die keine Eindeutigkeit, keine Festlegung, keinen Still- und Ruhezustand duldet:

Alle unsre Empfindungen sind – ohne ihre Löwen- und Narrenwärterin, die Vernunft – ebenso toll, wenn nicht in unserem Leben, doch in unserm Innern!

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[1] Der unvermeidliche Theodor W, meinte in seinem Aufsatz zum „Verfremdeten Hauptwerk“, der Missa solemnis, dass die C-Dur-Messe „kaum auch nur in einzelnen Stellen oder Wendungen Beethoven zugeschrieben werden“ könne: „Ihr unbeschreiblich zahmes Kyrie ließe allenfalls einen schwachen Mendelssohn vermuten“. Es ist eben jene „Zartheit“, die mich an Amandus' Schwanken, das ja ein Beweis auch seiner Zartheit ist, erinnert. NB: Beethoven schrieb die Messe im Jahre 1808, als Jean Paul an seinen ersten politischen Schriften arbeitete: ein Spiegel der unruhigen, ganz und gar nicht zarten Zeit. Dagegen transzendiert Beethovens Messe die Zeitläufte, indem sie sich nicht deren Gewalt unterwirft – und eben deshalb ihnen unterworfen ist (wie vielleicht T. W. A. schreiben würde, dem ja alles Dialektik war).

[2] Klaus Völker: Bertolt Brecht. München 1976, S. 386.

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