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17.07.2013, 11:13 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [203]: Scheerau ist pleite

Es geht wieder mal ums Geld. Es mangelt dem Scheerauer Hof, man ist notorisch pleite. Jean Paul beschreibt das mit nicht weniger als vier Vergleichen:

Aber außer diesem Fürstentum hab' ich auf meinen Reisen folgende vier Regionen nirgends angetroffen als am Ätna selber: erstlich die fruchtbare und zweitens die waldige Region unten am Throne, wo Früchte und grasendes und jagdbares Pöbelwild zu haben ist, drittens die Eisregion des Hofes, die nichts gibt als Schimmer, viertens die Feuerregion der Thronspitze, wo außer dem Krater wenig da ist. Ein Thron-Krater kann selber Goldberge einschlucken, verkalken, auswerfen als Lava.

Der Vulkan als Metapher, wir kennen das. Wir kennen das Bild auch aus der Literatur, wo es Emiliy Dickinson später in schöne, raunende Verse gegossen hat:

A still – Volcano – Life -
That flickered in the night -
When it was dark enough to do
Without erasing sight –

A quiet – Earthquake Style -
Too subtle to suspect
By natures this side Naples -
The North cannot detect

The Solemn – Torrid – Symbol –
The lips that never lie –
Whose hissing Corals part – and shut –
And Cities – ooze away –

Man findet dieses Gedicht auch auf einer interessanten Seite, die von Scott David und Laura Herman gestaltet wird. Es findet sich da auch eine schöne graphische Arbeit zu Dickinsons Gedicht, die die Hermans in einem polnischen Postershop[1] entdeckten.

Die Dickinson, eine Frau, die Gedichte schrieb, welche in ihrem hermetischen Stil ins 20. Jahrhundert hinein ragen, hat seit ihrem 20. Lebensjahr, also ab 1850, fast nur noch in ihrem Zimmer in einem Haus in Amherst, Massachusetts, gelebt. Mit ihr verglichen war Jean Paul ein Weltreisender, Immanuel Kant ein Zigeuner – aber alle diese Denker zeichnet eine ungeheure Weltinnentiefe aus.

So sah Goethe den Ausbruch des Vesuvs – etwa in der Spielzeit des Romans.

Ein Vulkan, der immerzu ausbrechen könnte; etwas, was brodelt und schließlich Werke dieser Güte auswirft: die Metapher trifft.

Ein Krater aber ist für vieles gut: In der Loge schluckt (und schmilzt) er das ein, was ansonsten als Lava hinausgeworfen wird: das Geld.

Das künstlich geprägte Metall nimmt den anderen Weg als das Natürliche, es kehrt ihn um. Der Dichter aber findet in den Metaphern die Richtung, die ihn seine Kunst lehrt: ein Ausbruch, hinunter in die Dörfer und Städte, die von der Lava der jeanpaulschen Wortmassen überschwemmt werden.

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[1] Nein, ich werde jetzt keinen Essay über die polnische Plakatkunst schreiben – nur so viel: die polnischen Plakate (die der Blogger vor vielen Jahren zum ersten Mal in Warschau sah), zählen zu den interessanten und surrealsten, auch unheimlichsten, die die Plakatkünstler des ehemaligen „Ostblocks“ geschaffen haben. Vor etlichen Jahren war einmal eine Ausstellung mit polnischen Plakaten im Kleinen Plakatmuseum des anderen Bayreuther Bloggers Joachim Schultz zu sehen, wo man diese Schätze bewundern konnte.



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