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16.07.2013, 10:02 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [202]: Ein kleines Denkmal für einen Sexualtherapeuten avant la lettre

Der Erzähler macht einen Sprung (wie überraschend!). Nun ist vom nächsten Sommer die Rede, in dem Oefel an einen bestimmten Hof reisen soll, wo er Verhandlungen in Sachen Brautschau wieder aufnehmen soll, „die schon neben ihrer [der Braut] Wiege angesponnen und abgerissen wurden“. Es geht, natürlich, um eine politische, nicht um eine persönliche Frage; Jean Paul erläutert das sehr schön, wenn er das Geflecht zwischen den verschiedenen Höfen als Interessenkonflikte zwischen nicht weniger als vier Höfen definiert: „der Fürst musste sich im Grunde mit ihr vermählen, weil ein gewisser dritter Hof, der nicht genennt werden darf, sie dadurch einem vierten, den ich gern nennen möchte, entziehen wollte.“ Diese diplomatische Volte ist wirklich sehr tricky, und wenn es nicht wahr ist, so ist es doch gut erfunden (ich glaube aber, dass es wahr ist, d.h.: dass es seinen Widerschein in der historischen Wirklichkeit hat).

Interessant ist nun (auch) die Erwähnung eines bestimmten Bettes: des „Doktor-Grahams-Bettes“, das neben der zukünftigen Braut des Fürsten steht. Dieses Bett muss ein enormes Objekt gewesen sein: dreieinhalb Meter lang, zweieinhalb Meter breit, mit Gold und Seide versehen, unterfüttert mit Magneten, ausgestattet mit einem olfaktorisch-orientalischen System von bezaubernden, einlullenden Düften. Auch dem Klang wurde Aufmerksamkeit geschenkt – zauberhafte Musik umhüllte die, die da im Bett lag und ihre Hoffnung auf die Zauberkräfte des Himmels setzte, die eine durchaus irdische Mechanik zu unterstützen vorgab.

James Graham, so heißt deren Erfinder. Wikipedia nennt, schon in der Titelzeile des Personalartikels, gleich nach seinem Namen die Berufsbezeichnung: Quacksalber. Quacksalber – das ist ein wunderbar klingendes Wort, das Jean Paul hätte erfinden können. Schon die ersten beiden, schwer charakterisierenden Sätze des längeren Artikels sind voller kontrastiver Komik:

Er behandelte Patienten mit „magnetischen Kuren“, entwickelte unkonventionelle Sexualtherapien und eröffnete in London einen „Tempel der Gesundheit“, in dem er ein Himmlisches Bett aufstellte und wo auch die junge Emma Hamilton unbekleidet aufgetreten sein soll. In seinen späteren Lebensjahren wurde er ein christlicher Eiferer und Pamphletist.

Schön ist auch folgender Abriss[1], den ich einfach in Gänze zitieren muss:

In 1781, childless London couples were invited to cure their unfortunate state by spending a night together in the Celestial Bed (for fees up to £500). The proprieter of this remarkable device was Dr. John Graham, who was an Edinburgh, Scotland physician, who had created a fashionable cult of cures by magnetism and electricity.
His bizarre treatments became the rage of fashionable London, and he opened a Temple of Health in the Royal Terrace of the Adelphi. There, attended by Negro servants, he administered special baths, sat his gullible patients on „magnetic thrones,” or gave them mild shocks in an electric chair.
At the Temple of Health, his chief assistant was none other than the beautiful Emma Hart, who later became Lady Hamilton and Lord Nelson’s mistress. Dressed in scanty robes, she entertained the patients as „the Rosy Goddess of Health.”
Of all of Graham’s equipment, the Celestial Bed was the most splendidly-gorgeous. An ornate couch standing on eight brass pillars, it owed its curative powers, he said in his advertisements, to „about 15 cwt of compound magnets . . . continually pouring forth in an everlasting circle.”
The treatment does not appear to have worked, for he was obliged to return to Edinburgh, where he was sent to prison as a lunatic.

Auch die spätere Lady Hamilton, also Emma Hamilton, soll in ihrer nackten Jugend im Temple of Health als Allegorie der Gesundheit aufgetreten sein: eine Legende – aber eine schöne (so schön wie die Lady selbst). Thomas Rowlandson hat die berühmte Frau, die sich allerdings in diversen attitudes auskannte, 1790 gezeichnet.

Der Mann war ein Scharlatan[2] – aber zugleich einer der ersten Sexualtherapeuten (die auch in deutschen Landen tätig waren). Kein Wunder, dass es nicht nur einen Artikel, sonden auch ein Buch über ihn gibt. Lydia Syson veröffentlichte Doctor of Love: James Graham and his Celestial Bed.

 

Der Guru predigt

Was ist von Graham zu halten? Vic Gatrell meinte, dass seine sexualtherapeutische Idee weniger dumm war als das Brimborium, mit dem der Sexualguru die Belegung des celestial bed koppelte. Letzten Endes war er, bei allem Quacksalbertum, „one of the eighteenth century's weirdest and most wonderful figures“ (sagte Frances Wilson).

Zweifellos lehnte Jean Paul Grahams shows und die Idee des Bettes ab, aber er hat doch dem berühmt-berüchtigten Mann an einer winzigen Stelle der Unsichtbaren Loge ein sichtbares Denkmal gesetzt – denn nur dem, der Auffälliges vollbringt, kann ein persönliches Denkmal gewidmet werden: und sei es im Medium der Karikatur.

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[1] Der Blogger fand ihn unter der hübschen Überschrift Derrickonia Pineconeus. That means: A handful of crumbs & the increasing of the quantity of a substance or other entity that exists in a volume of space. Or: Notes, Films, Poetics, Rememberances, Murmurs & Sgmt. Wir verdanken dieses digitale Kuriositätenkabinett Mr. Derrick Tyson.

[2] Die Frage aber muss lauten: Glaubte er selbst an seine Therapie? War er verrückt? Oder ein Ganove? Oder beides??



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