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22.06.2013, 19:38 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [180]: In Sparneck mit einer deiktischen Hand

Et in Sparneckium ego... Die Verpflichtungen des Jean-Paul-Jubeljahres machen es, dass ich auch nach Sparneck komme. Hier lebte Bruder Gottlieb von 1797 bis 1812, 1813 oder 1814; hier arbeitete er als Rendant, Steuereinnehmer oder Unteraufschläger oder als „Unter-, Neben- und Queraufschläger“, wie Jean Paul einmal launig schreibt. Sonst sind seine Briefe und Mitteilungen betreffs des Bruders wenig launig, bisweilen sogar gallig. Immerzu musste er ängstliche Bittbriefe des Bruders beantworten, musste er bei den Behörden – bis hoch herauf zu Hardenberg – vermitteln, musste sich „verwenden“, wie es im Politikerdeutsch heißen müsste. Schließlich gelang es ihm, den Bruder in dem kleinen Örtchen bei Münchberg unterzubringen: auf einem ziemlich einsamen Posten, denn die Steueramtsstelle wurde nun von Münchberg her verwaltet, und in Sparneck blieb nur noch der Platz für einen einsamen Rendanten übrig. Immerhin – denn damit war der Bruder endlich in einer einigermaßen sicheren, wenn auch niedrigen Stelle untergekommen (er wäre im Übrigen lieber Oberaufschläger geworden). Da aber die Familie zunehmend wuchs – am Ende sollten es sieben oder acht Kinder werden –, wuchs auch die Armut; wir kennen das aus der Kindheitsgeschichte der Familie Richter.

Wo wohnte er eigentlich? Professor Reinhardt Schmalz vom Geschichtsverein Historische Runde (und von der Hochschule Hof), der sich in der Gottlieb- und Sparneckgeschichte sehr gut auskennt, kann nur vermuten, dass er im Alten Amtshaus wohnte, das auf den Fundamenten des ruinierten Alten Schlosses errichtet wurde. Allerdings wurde dieses Haus seit 1802 nicht mehr als Amtssitz benutzt. Es kann also sein, dass er nun in das neue, 1763 gebaute Amtshaus zog – oder dass er schon seit seinem Zuzug im neuen Haus residierte. Im alten Amtshaus aber sieht's heute noch gruselig aus. Ich betrete die Eingangshalle mit ihren Gewölben und schaue in einen alten, dumpfen Raum, in dem man nicht einmal mehr alte Akten lagern kann.

Das neue Amtshaus sieht auch heute, mit der Kartusche des amtierenden Markgrafen, sehr schmuck aus; ich stelle mir vor, wie das „liebe Brüderlein“, mit einer Nachtmütze auf dem Kopf, die Blumen gießt, als wär's eine Figur von Carl Spitzweg, der so oft Kleinstadtszenen verewigte, die als Illustrationen von jeanpaulschen Erzähltexten gute Dienste tun würden. Es ist die Welt der grotesken Gemütlichkeiten, der biederen Abgründe, der liebenswürdigen Verschrobenheiten. Erbaut wurde das Haus im Geburtsjahr Jean Pauls, des ältesten Bruders, der sich – bei aller Schroffheit des Briefverkehrs – für seine unglücklichen und missratenen Brüder verantwortlich fühlte, bis es nicht mehr ging. Wer in diesen Briefen den Menschenfreund Jean Paul sucht, wird ihn nicht immer finden.

Als Jean Paul die Unsichtbare Loge schrieb, war Gottlieb 23 Jahre alt – ein junger Mann, der sich auf diversen Posten als einfacher Schreiber durchschlug: in Naila und Helmbrechts. Was das mit dem Roman zu tun hat? Jean Paul wusste, wie das Los von einfachen Leuten aussah, die keine besonderen Qualifikationen mitbringen, um sich beruflich einigermaßen würdig durchs Leben zu schlagen. Reflektiert „Jean Paul“ auf einen juristischen Posten in fürstlichen Diensten, so träumt der Dichter von einer Rangerhöhung, die seinen Brüdern kaum vergönnt war. Das autobiographische Moment liegt hier in der Kraft des Traums – ungeachtet der Tatsache, dass Jean Paul selbst niemals auf eine Beamtenstelle reflektiert hätte – und später auf den hohlen Titel eines Legationsrats unmäßig stolz war. Er sieht allerdings auch, wie elend das Skribentenleben sein kann – und wie moralisch minderwertig Leute wie der Gerichthalter Kolb, die sich ihr Brot durch Gaunereien verdienen. Seinen Bruder hat er im Grunde immer bedauert; er musste ihn bedauern, da Gottlieb im Lauf der Zeit verarmte und in den frühen 1820er Jahren, als er in Bayreuth amtierte, systematisch heruntergestuft wurde (Jean Pauls Anfrage an eine höchste Stelle hatte in diesem Fall wohl keinen Erfolg). Er wusste, wie „das Leben“ aussieht, das er in seinen Romanen und Erzählungen erzählte, denn er kannte es aus nächster, brüderlicher Nähe. Die (leider nicht überlieferten) Bittbriefe seines Bruders: sie sind das Korrektiv zu den Luxusproblemen all der sensiblen „Hohen Menschen“, die angesichts der nach Brot schreienden Kinder einer großen Kleinstbeamtenfamilie zu Bagatellen werden. Sich an einem Hof nicht wohl zu fühlen (wie Beata) – Gottlieb hätte darüber gelacht. Goethe sprach ja, das Wort ist bekannt, schon von der „verteufelten Humanität“ der Iphigenie: „als wenn kein Strumpfwirker in Apolda hungerte“.

Natürlich kann man die „schöne Literatur“ nicht mit der Wirklichkeit aufrechnen – es bleibt bemerkenswert, dass der Romancier Jean Paul die unschönen Zustände nicht ganz vergessen hat – wenn er sie auch, wie im Anhang der Loge, dem Schulmeisterlein Wutz, idyllisiert hat.

Hinten rechts steht der historisch wertvolle Gasthof Goldener Adler, den Gottlieb Richter noch nicht besuchen konnte. Er hätte sich aber gewiss über die Tafel des Jean-Paul-Wegs gefreut, die in Sparneck aufgestellt wurde: versehen mit den Informationen, die die Macher des Weges damals von Prof. Schmalz bekamen. Im Bild: die Tafel samt deiktischer Hand des Professors. (Fotos: Frank Piontek, 21.6. 2013. Altes Amtshaus: Peter Braun).



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