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15.06.2013, 08:16 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [173]: Der eine Jean Paul über die Ermordung des anderen - durch eine Frau

Schaubühnen-Aufführung (c) Berliner Schaubühne/Gianmarco Bresadola)

Man kann ihm nicht entkommen, niemals und nirgends. In Berlin sehe ich Jean Paul – Jean Paul Marat. In der Schaubühne spielt ein höchst engagierter Trupp von Schauspielstudenten der Ernst-Busch-Schauspielschule, zusammen mit zwei Profis der Bühne, in einer hinreißend bewegten Aufführung Peter Weiss' Stück mit dem schönen langen jeanpaulesken Titel Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade. Was das mit Jean Paul zu tun hat? Der Hinweis auf die beiden Vornamen allein würde es nicht bringen – tatsächlich gibt es zwei faszinierende Zusammenhänge: Jean Paul Marat wurde in jenem Jahr ermordet, in dem Jean Paul Die Unsichtbare Loge veröffentlichte – und er schrieb ein paar Jahre später einen nicht ganz kurzen Text, in dem er die Tat der Mörderin und diese selbst in den Himmel hob.

Die Sache ist umstritten: war dieser privatterroristische Akt, der dann tief in die Öffentlichkeit wirkte, eine verstehbare oder eher eine verhängnisvolle Angelegenheit? Wohl beides. Charlotte Corday wurde beeinflusst von geflüchteten Girondisten – den Gegnern der radikalen Jakobiner –, die Marat als Ungeheuer und Vaterlandsfeind schilderten. Ironischerweise hieß Marats Zeitung Der Vaterlandsfreund. Tatsache ist, dass Marat als Revolutionär der Feder nicht zu den gemäßigten Kräften der Revolution gehörte. Marat verachtete die Girondisten, die noch royalistische Neigungen hatten, und gab diesem Hass einen derartigen publizistischen Ausdruck, dass er in der ersten Phase der Revolution nach England fliehen musste, wo er viele Jahre gelebt hatte. Nachdem er im Mai 1790 zurückgekehrt war, hielt er sich nicht zurück: 100.000 rollende Köpfe fordernd gehörte er zu jenen Propagandisten des Terrors, die das Terreur-Regiment auf ihre Weise vorbereiteten. Selbst überrascht von den Massakern des September 1792, hätte es ihn nicht wundern dürfen, dass seine Ideen nun eine erste Realisation gefunden hatten.

Ironischerweise hatte die Revolution – verglichen mit der Despotie Robespierres – zu Marats Lebzeiten einen vergleichsweise unblutigen Verlauf genommen; erst nach seiner Ermordung, die ein Zeichen setzen sollte, wurde die Guillotine zum bevorzugten Instrument pseudopolitischer Debatten. Erst die Tat Charlotte Cordays sorgte dafür, dass das Klima derart erhitzt wurde, dass in seiner Glut Tausende von „Schuldigen“ und „Unschuldigen“ ihr Leben mit einem schnellen, sauberen Schnitt auf einem öffentlichen Platz abgeben mussten. Charlotte Corday wurde nicht gänzlich falsch informiert, als sie darauf hingewiesen wurde, dass der Schreibtischtäter Marat den Tod Tausender von Menschen gefordert hatte. Am 13. Juli 1793 wurde sie vom Mann in der Badewanne vorgelassen, der an der Skrofulose und neuen Aufrufen an das Volk werkelte – der Tod kam schnell, auch für die Attentäterin, die vier Tage später auf der Guillotine endete. Schon vier Monate später hing Jacques-Louis Davids berühmtes Gemälde im Konvent. Dann begann die schlimmste Zeit der Revolution, provoziert auch durch die Tat der jungen Frau aus Caen, die die Gefährdung deutlich machte, die den revolutionären Führern von Seiten des Bürgertums drohte. 1794 fing es dann in großem Stil an: das kollektive Morden. Wurden bis zu Marats Tod 64 Verschwörer hingerichtet, so starben bis zum Sturz Robespierres nicht weniger als 2572 Menschen. Hätte die Corday diese Zahlen voraussehen können, hätte sie vermutlich auf die sinnlose Ermordung eines einzelnen Denkers und Dichters der Revolution verzichtet.

1801 veröffentlichte Jean Paul seine Gesprächserzählung Über Charlotte Corday. Ein Halbgespräch am 17. Juli. Jean Paul erweist sich auch hier nicht als jener Humanist, den man gern in ihm sehen will, oder anders: Sein Humanismus ist eine ins Private gedrehte Befürwortung eines mörderischen Akts. Dass er die Tat der Corday, mit deren Lob er seinerzeit nicht allein stand, aufs Höchste lobt, muss nicht verwundern, wenn man sich die Argumente genauer anschaut. Ein Leben zu opfern, um viele zu retten – es war freilich eine Milchmädchenrechnung. Als vor 20 Jahren, genau zum 200. Jahrestag der Marat-Ermordung, zwei Bücher über die Corday erscheinen, schrieb Wolfgang Brenner im Berliner tip: Bei der Lektüre „wird auf beeindruckende Weise sichtbar, wie jede Art von Literatur entsteht: in der rufmordenden Reibung an der Realität.“ Man könne nicht mehr „an die Unschuld der Literaten glauben, aber es wird auch niemand mehr auf die hirnrissige Idee kommen, ein Buch oder ein Drama an dem Ideal der literarischen Schöpfung aus dem Nichts zu messen. Literatur ist immer auch eine Spur halsbrecherischer Journalismus.“ Auch Jean Pauls Marat-und-Corday-Text wird einer Analyse unterworfen, die aufs Bedingte verweist: „Auch die zahlreichen Versuche, die Corday von einer durch individuelle Wut getriebenen Rächerin zu einer kollektiven Heiligen hochzupuschen, sind für Beate Greisler nichts anderes als Sublimationsversuche der Schmach, dass eine (angezogene) Frau einen nackten Mann erledigt hat. Selbst beim ansonsten nicht prüden Jean Paul finden sich Projektionen männlicher Kränkung. […] Aus der Corday wird der ‚hohe Mensch‘, der geschlechtslos und ohne körperlichen Drang nur für sein Ideal lebt und stirbt. Mit einer solchen Kopfgeburt lässt es sich für den verunsicherten Mann besser klarkommen als mit einer jungen Amazone, die sich unter Umständen noch mit Hilfe sexueller Finessen an das ahnungslose Opfer in der Badewanne herangemacht hatte.“

Jean Paul hat im Jahre 1800 noch kaum sexuelle Erfahrungen mit dem schönen wie mörderischen Geschlecht, aber in seinen Texten sind sie schon aufgetreten: in der Loge nimmt die Residentin von Bouse die Stelle der gefährlichen Verführerin ein. Ihr Gegenbild ist die zurückhaltende Beata, der man einen Mord an einem Mann nicht zutrauen kann, den der ami du peuple Jean Paul als „krebshaftes Glied“ bezeichnet.

Noch am erblasseten Gesichte, das schon von der Hand des Henkers durch einen Backenstreich verunreinigt worden, nagte die Parteiwut fort und suchte die Schönheit, die sie entseelt hatte, nun auch zu entstellen, so wie die thessalischen Hexen sich in Tiere verwandeln und dann den Toten das Gesicht abfressen. Jean Paul nennt sie eine schöne stolze Jungfrau – eine hohe Gestalt voll jungfräulicher Würde, Milde und Schönheit, sittsam, sanft entschlossen, eine Blume gleich der Sonnenblume, die den ganzen Tag mit ihrer einfachen Blüte der Sonne folgt, die aber nach dem Untergang und vor dem Gewitter sich mit Flammen füllt.

Marat, das unbedeutende, heuchelnde, rohe, mechanische, auch äußerlich-häßliche, bluttrunkene, aufgeblasene Wesen, das mehr als Blutigel denn als Raubtier leckte – das die Septembriseurs bloß mietete, bezahlte und lobte, und das wirklich keinen Menschen mit eigener Hand umbrachte, sondern nur sich – das die Mörder des Generals Dillons gern noch zu Mördern seiner Offiziere machen und mit dem Blute von noch 250 000 Köpfen die Weinlese der Freiheit erst recht düngen und begießen wollte – das am 31ten Mai einen Interimskönig begehrte, weil die Extreme sich berühren und der höchsten Freiheit ein unumschränkter Diktator nötiger sei als ein beschränkter – das (nach Cordays Aussage) durch ausgeteiltes Geld zum Bürgerkrieg entflammte – ein Wesen, in welchem sich wieder die Bergpartei abschattet, das, als es zwei Tage vor seinem Tode hingerichtet war, im Konvent ein französischer Kato, ein unsterblicher Gesetzgeber und Volkfreund genannt, für dessen Strafgöttin neue Qualen (l'effroi des tourmens) gefodert und das einmütig zu einem Schmuck des Pantheons erklärt wurde und in der Todesnacht der Corday unter Kanonenschüssen und Prozessionen verscharrt.

Corday bekämpfte und durchbohrte nicht als Bürgerin einen Staatsbürger, sondern als Kriegerin in einem Bürgerkriege einen Staatsfeind, folglich nicht als Einzelne einen Einzelnen, sondern als gesundes Partei-Mitglied ein abtrünniges krebshaftes Glied. […] Der Sonnabend kam; sie kaufte erst diesen Morgen ihren Dolch im Palais-Royal und verbarg die Parzenschere in ihrem Busen. Darauf begab sie sich zu Marat mit der doppelten Gewißheit, jetzo sterbe er unter ihren Händen und zugleich sie selber unter denen des Volks. Er, obwohl an Sünden krank und im Bade, ließ sie vor sich. Sie nannte ihm frei alle Namen der in Caen und Evreux begeisterten Girondisten, die gegen die Bergpartei sich verschworen hätten, d.h. die Namen aller ihrer Lebens- und Ewigkeit-Freunde. „Nun, in wenig Tagen“, versetzte er, „werd' ich sie alle in Paris guillotinieren lassen.“ – – Da nahm plötzlich die Nemesis Cordays Gestalt an und drehte Marats Schlachtmesser um gegen sein eignes Herz und endigte so den niedrigen Menschen... Aber ein gelindes Gericht von Gott und Menschen ergehe über die bisher so unbefleckte Hand, die ein höherer Geist in ein beschmutztes Blut eintauchte.

Wie aber sieht es mit Marats Philosophie aus? Paradoxerweise wird er als Philosoph der Freiheit apostrophiert. Auch Peter Weiss stellt ihn als einen Revolutionär dar, der gleichzeitig dem Terror wie der Freiheit vertraut. Im Gespräch mit de Sade aber hat niemand Recht: weder der skeptische Aufklärer, dessen radikale Vernunft zu furchtbaren Bildern fand, noch der Ideologe der Revolution, der keinen anderen Ausweg sah, als die Ketten der Despotie mit jener Gewalt abzuschütteln, die im tiefsten Inneren verachtete. Dass die Revolution schon in diesem Stadium ihre Kinder frisst, da sich Revolution und Gegenrevolution bekämpfen: er hat es gesehen, ohne mit anderen denn als den furchtbaren Mitteln der Verbalgewalt darauf zu reagieren. De Sades Imaginationen einer gewalterfüllten Welt aber sollten am Ende in ihr objektives Recht gesetzt werden: gegen die andere Vernunft, die den Frieden predigt. Im Grunde kann man diesen Gewalttätigkeiten nur durch die sog. Dialektik beikommen – und tut man es, versündigt man sich gegen den Geist und die Sinnlichkeit, gegen den Körper und das Hirn. Auch die packende Aufführung des Stücks weiß keinen Rat und kein Rezept, weil sie ehrlich ist.

Hat die Unsichtbare Loge teil an diesem großen, zeitgenössischen Gespräch über die Gewalt und die Freiheit? Auch diese Antwort muss dialektisch ausfallen: Ja, weil sie nicht von den Zeitläuften abstrahiert und die Vergewaltigungen beschreibt, die das empfindsame Subjekt in den Zeiten eines ungerechten Ancien Régime erfährt. Nein, weil die Guillotine und der Terror nicht einmal im Ansatz als Lösungsmittel der Misere dieses Regimes diskutiert werden. Man darf aber gespannt sein, wie Gustavs Biographie weiter geht: Wie wird er sich entwickeln, während der Autor aus der Zeitung erfährt, was in Paris und in Frankreich gerade geschehen ist?



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