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18.05.2013, 11:19 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [159]: Gustav in adeligen und auktorialen Fängen

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Wer will dir aus dem Herzen scheuern deine Gedanken an fremde Blicke, deine Gier, bewundert, aber nicht geliebt zu werden, deine Gefallsucht, welche Liebe nur erregen, nicht erwidern will?

Es ist wieder Zeit für eine geharnischte, doch zugleich empfindungsvoll empfindende Kritik an den höfischen Zuständen, die den Menschen verbiegen, gekleidet in eine äußerst gefühlvolle Vocation: Wer will dir aus dem Herzen scheuern deine Gedanken an fremde Blicke, deine Gier, bewundert, aber nicht geliebt zu werden, deine Gefallsucht, welche Liebe nur erregen, nicht erwidern will, und alles das, was dein Herz unterscheidet von deinem vorigen Herzen und von Beatens ewigem? Rhetorisch ist das vollkommen – es ist vielleicht, mag man einwenden, zu vollkommen, um gänzlich zu überzeugen, aber auf solche Ideen kommt man nur, wenn man der Rhetorik an sich misstraut – einer Rhetorik, die etwas Lateinisches an sich hat.

Dagegen bleibt Gustav der, der er ist: weil „der Barometer seines Herzens“ eine unveränderliche Position anzeigt. Das macht: die Innerlichkeit, oder anders: verändert sich seine Seele, so von innen heraus – die Frage aber wird sein, wie sich diese stille, herzliche „Seele“ namens Gustav von lärmigen, von gefühllosen Kameraden und herzlosem „Jahrmarktlärm“ erfüllten Kadettenhauses entwickeln wird. Der Autor deutet nicht einmal an, dass sich bei dieser Seele etwas ändern könnte. Da scheint sich ein trauriges Außenseiterdasein in einer rohen Umgebung anzukündigen: die Geschichte eines jungen Mannes, den man abschleifen will. Kommt hinzu, dass Oefel sich in der Stube einquartiert hat, der am jugendlichen Objekt seine Beobachtungen machen will: ein „Stuben-Ephorus“, also ein Sittenwächter, der ein scharfes wie kaltes Auge für die Stubenbewohner hat: ein Mensch, der zu Jean Pauls Heer der Herzlosen gehört – und zur Compagnie der Autoren, die es, im Sinne des Erzählers, nicht gut mit ihren Figuren meinen.

Bange Frage: Hat Jean Paul es anders gemacht? Hat er nicht selbst, wenigstens zuweilen, Beobachtungen in seine Erzählungen hineingebracht, die die Porträtierten, wie im Falle der Charlotte von Kalb, erbosten? Musste sie nicht zurecht beleidigt sein, als sie sich, wörtlich zitiert, in der Linda des Titan wieder entdeckte?

Vorderhand also wird der arme Gustav „noch trauriger, aber mit mehr Schmerzen“.

Letzte Frage für heute: Wieso „aber“?



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