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02.10.2012, 13:38 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [6]: Wir sind noch beim Vorredner

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Hier saß er und schrieb: in Hölzels Palais in Schwarzenbach an der Saale, wo sich der örtliche Kulturverein (links die freundlichen Damen desselben) um den Dichter, gelegentlich auch um einreisende Literaturfreunde kümmert. Ein schöner, höchst informativer Tafelweg erschließt das Schwarzenbacher Leben des Pfarrerssohns und Winkelschullehrers, der sich aus dem bescheidenen Haus und der engen Stube in die Welt der Literatur hinausschrieb. Besonders der, der im Winter den Ort besucht, kann - den freundlichen Damen zum Trotze - erahnen, welchen kargen Bedingungen diese an Bildern und Worten überreiche Literatur entsprang. (Foto: Frank Piontek)

Keine Angst: der Roman beginnt noch nicht. Wir sind noch beim Vorredner, der uns einiges Grundsätzliche beibringt, gleich zu Anfang gegen das Volk der Rezensenten. „Pk.“, also ein gewisser Adolph von Knigge, der den Roman rezensierte, musste seine Rezension also gleich mit einem Tadel beginnen: „Die Bitterkeit, mit welcher der Verfasser in der Vorrede (und nachher auch an einzelnen Stellen des Buchs) gegen Rezensenten deklamirt, erweckt kein günstiges Vorurtheil für ihn. Gute Schriftsteller pflegen eine solche Sprache nicht zu führen, schlechte Scribler hingegen, durch ihr böses Gewissen getrieben, suchen im Voraus dem Publico den Tadel, den sie erwarten, verdächtig zu machen.“

Da hat er Recht: Souveränität ist etwas Anderes, selbst dann, wenn sich der Tadel gegen die Tadler in witzige Wortspiele packt. Jean Paul mochte an Verrisse wie jenen kurzen gedacht haben, der anläßlich der Grönländischen Processe (die selbst bei wohlmeinenden Jean-Paul-Biographen wenig Gnade finden) 1784 im Leipziger Allgemeinen Verzeichnis neuer Bücher erschienen war: „Es mag vielleicht Vieles wo nicht gar Alles wahr seyn, was hier der Hr. Autor in einem bittern Tone über Schriftstellerey, Theologie, Ahnenstolz, Weiber und Stutzer etc. sagt, allein die Sucht witzig zu seyn reißt ihn durch das ganze Werkchen so sehr hin, daß wir nicht zweifeln, die Lektüre desselben wird jedem vernünftigen Leser gleich beym Anfange so viel Eckel erregen, daß er sich selbiges aus der Hand zu legen genöthiget sehen wird.“ Und zack – das war es. Das war auch der übliche Stil der Zeit, in der man hinhaute, wo es ging; überflüssig zu sagen, dass „früher die Sitten besser waren“.

Der Dichter also, der in seinem Stübchen in Schwarzenbach sitzt, träumt sich in eine Kutsche, die ihn auf den Fichtelberg fährt, immer weiter nach Süden, wo er schließlich, wenn er die Vorrede beendet hat, „den großen Zirkus und Paradeplatz der Natur mit allen seinen Strömen und Bergen auf einmal in die aufgeschlossene Seele nehme“. Nachher das Pathos, vorher die satirischen Ausfälle, gegen neunerlei Parteien, von der die erste schon jene ist, auf die ein junger Autor nicht angewiesen ist – wenn er denn so gut ist, dass das Lesepublikum ihn unbedingt haben will. Jean Paul schert sich einen Teufel um die Meinung der Rezensenten, während er sich an ihnen reibt, aber vielleicht hatte er nur das Gefühl, dass er auch über diesen seltsamen Stand seine Sottisen ausgießen müsste: wo ein Witz lauert, soll man ihn nicht hindern. Die Rezensenten als Giftaushaucher, seinem Schwiegervater vergleichbar, der „offizinell und arsenikalisch“ ist: ganz so falsch ist das Bild nicht, denn der Autor, der das Wort auf die Goldwaage zu legen pflegt, muss es so empfinden.



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