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17.05.2013, 11:28 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [158]: Die schönen Bücherpatientinnen

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück (denn allzu schnell darf man wirklich nicht lesen). „Jean Paul“ systematisiert seine Schreibsituation, indem er sie durchnummeriert – und auch hier findet er die Gelegenheit zum Scherz:

Zweitens – oder das ist noch erstlich: ich kann folglich, gleich den Juden, nur am Sabbat oder Sonntag auf die Plastik meines Seelen-Fötus denken, an Wochentagen wird nichts geschrieben – als zwar auch Biographien, aber nur von Schelmen, man meint Protokolle und Klaglibelle.

Zweitens oder drittens bin ich der Insaß eines Schulmeistertums...

Erstens, zweitens, drittens... die Sache geht kunterbunt durcheinander, aber es gibt dann doch einen eindeutig dritten „vernünftigen“ Grund: für das „neue Leben“, das nun für ihn, den Erzähler, und ihn, den Leser beginnt. Dieser Grund ist die Schwester Philippine; ihr begegnete ich, dies nur apart, gestern Abend in meinem Lesesessel, wo ich einen Text an diese Dame entdeckte, die im Spätwerk Jean Pauls zu einer Ziehschwester mutierte. Noch ist sie reine Schwester; sie ist zurück vom Hof, also von der Frau von Bouse, und auch hier greift die Systematik: „erstlich, weil sie ihre Stelle einer schönen Bücherpatientin[1] leer zu machen hatte, der guten Beata nämlich [...] – zweitens ist meine Schwester da, weil ichs so haben wollte“. Man könnte nun ganz naiv fragen, wieso Philippine ihre Stelle räumen und der Bruder dies so haben wollte. Ich nehme an, dass hier eher der Autor als das Leben darüber bestimmte, was mit der Figur zu geschehen hat: eine Figur auf einem Schachbrett, eine Marionette des Erzählers, bei der er sich entschuldigen muss, weil er sie geschaffen und manipuliert hat: „Aber Schwester, Schwester, warum hab' ich dich nicht eher aus diesem übersinterten Mineral-Strudel gerissen?“

Auch eine Schwester der Jean-Paul-Zeit: Christiane Luise Hegel, geboren im Jahre 1773, gestorben im Todesjahr Goethes. Der Blogger ist sich ziemlich sicher, dass er noch auf Hegel zu sprechen kommen wird, daher tut heute wenigstens ein Hinweis auf dessen Schwester Not, die, lese ich auf der Homepage des Kulturkreises des schwäbischen Weilimdorf, völlig zu Unrecht hinter ihrem berühmten Bruder „verschwunden“ ist. Denn: „Hegels Schwester hat in revolutionären Zeiten Briefe zu einem Strafgefangenen auf dem Hohenasperg geschmuggelt, war Gouvernantin im Hause des Freiherrn von Berlichingen, verbrachte ein Jahr in der württembergischen Staatsirrenanstalt Zwiefalten und nahm sich schließlich wenige Wochen nach dem Tod ihres Bruders in Nagold das Leben. Hochbegabt, stand sie mit vielen berühmten Zeitgenossen in Kontakt.“ Alexandra Birkert schrieb die Biographie dieser interessanten Frau.

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[1] Der Begriff „Bücherpatient“ hat in den letzten Jahren eine schauerliche Bedeutung erhalten, nachdem die Weimarer Bibliothek den Flammen zum Opfer gefallen war. Das Wort betrifft aber auch einfache Fälle der Buchrestaurierung. In Jean Pauls Fall trifft weder das eine noch das andere zu. Was bedeutet eigentlich Patient? Hand aufs Herz: Wer weiß das schon so genau, wenn er nicht vor kurzer Zeit das Große Latinum absolviert hat? Patiens bedeutet: erleidend. Beata ist also ein Mädchen, das (am höfischen Leben) leidet, wie es in diesem Buch beschrieben wird. Wem diese Bezeichnung der jungen Frau zu gezwungen erscheint, sollte bedenken, dass Jean Pauls Biographie zuallererst aus Worten besteht, die deshalb gelesen werden können, weil sie in einem Buch fixiert wurden. Das ist total trivial, erklärt aber auch die permanenten Verweise aufs Schreiben selbst.



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