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16.05.2013, 11:21 Uhr
Frank Piontek
Jean-Paul-Reihe
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Jean Paul selbst nannte seinen Debütroman eine „geborne Ruine“: Frank Piontek liest „Die unsichtbare Loge“ von Jean Paul, Tag für Tag, von der ersten bis zur letzten Seite, und bloggt darüber.

Logen-Blog [157]: Theorie über den Schreibort

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So stellten sich die Nazarener den Johannes auf Patmos vor. Gemalt hat ihn der gute Jakob Götzenberger, zu finden ist er in der Kapelle des ab 1836 erbauten Herdingschen Schloss in Nierstein – das vormals ein Dalbergisches Gut war (und wieder waltet ein „Beziehungszauber“ zwischen den Blogeinträgen, der sich dem reinen Zu-Fall verdankt).

Gustav ist ins Kadettenhaus gezogen, der Schulmeister bleibt zurück, beim Rittmeister, der ihn als Advozierer und Satirisierer bei sich behalten will. Das Lob für diesen Dienstherren mit dem „guten Herzen“ fällt zwiespältig aus, es ist – ehrlich gesagt – nicht zu deuten: „Behalte deinen gesunden Nord-Ost-Atem, behalte deine Hände mit dem prügelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem Paar Donnerwettern und tausend Teufeln, mein Falkenberg!“

Hart, aber herzlich – das könnte gemeint sein.

Der Autor erzählt uns nun, wo er genau dies, was er geschrieben hat, schreibt: in der Oberen Stube des Auenthaler Schulmeisters namens Sebastian Wutz. Dieser Wutz ist der Sohn des berühmten Wutz, dessen Geschichte wir im Anhang lesen können, ja: „Jean Paul“ empfiehlt dem Leser, nein: er bittet darum, dass man Wutzens Geschichte – obgleich dieser Lebenslauf nur eine „Episode“ ist und „mit dem ganzen Werke durch nichts zusammenzuhängen ist als durch die Heftnadel und den Kleister des Buchbinders“ – lesen solle, nachdem man die Lektüre der Fußnote hinter sich gebracht habe. Ich tue „Jean Paul“ diesen Gefallen nicht – nicht, weil ich die Geschichte schon kenne, sondern weil ich einfach wissen will, wie es mit „Jean Paul“, Gustav, dem Rittmeister, Beata, der Residentin, Röper und Robisch weiter geht – und weil ich es entzückend finde, wie „Jean Paul“ seine Theorie des Schreiborts begründet. „Bloß in kleinen Stübchen wird man größer“, lese ich – das erinnert an die Rollwenzelei, wo die Jean-Paul-Wanderweg-Macher eben diesen Satz fixiert haben. Kleine, leere Stuben beflügeln, eine Art „Vatikan“ ist dem Schreiber dank seiner „öden Klüfte“ genau der richtige Ort, wie ein sparsam möblierter Esssaal ihm das wahre Patmos ist – in dem er, ergänze ich, als Nachfolger eines anderen Johannes seine Visionen empfangen und aufs Papier werfen kann.

Auch da hat er Recht: Wer häufig den Schreibort, gar die Stadt wechselt, hat die Chance, aufgrund dieses Schreibraumwechsels auf neue Gedanken zu kommen[1] – und dem „Hohlweg“ zu entkommen, in dem man Himmel und Erde, ergo: neue Bilder nicht mehr zu sehen vermag. Er selbst, sagt „Jean Paul“, schreibe seine Sektoren jeweils „in einer anderen Kajüte“.

Auch das Gegenteil mag richtig sein – denn so viele Kajüten standen Jean Paul in Schwarzenbach natürlich nicht zur Verfügung.

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[1] Der Blogger bekennt, dass auch er seine Gedichte der letzten Jahre fast nur auf Reisen schreiben konnte.



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